Verstehen

Als Europäer leben wir heute in einem Gebiet mit den höchsten durchschnittlichen Lebenserwartungen weltweit. Die Menschen werden jedoch nicht nur älter, sie bleiben auch länger gesund und der Arbeitswelt erhalten!

Die Langlebigkeit wird jedoch von der Gesellschaft, insbesondere von Politikern und Ökonomen, vor allem als „Demografiefalle“ und gesellschaftliche Last wahrgenommen. Auch wenn das Alter oft mit körperlichen Einschränkungen verbunden ist und die Gangart langsamer wird, ist dies kein Grund, das Alter als etwas zu „Betreuendes“, Unselbständiges zu verstehen. Andere Qualitäten, wie etwa Erfahrungswissen, Gelassenheit und Menschlichkeit, sind ein gutes Gegengewicht zur heutigen hyperaktiven, „Burnouts“ hervorrufenden Gesellschaft. Die in manchen Bereichen bestehenden Diskriminierungen älterer Menschen zugunsten der jüngeren sind jedenfalls nicht gerechtfertigt. Bloß weil die „Altersguillotine“ zum Beispiel bei 65 gesetzt ist, heißt das noch lange nicht, dass Pensionierte nicht mehr gute Arbeit leisten können. 65 bedeutet nicht automatisch alt, heißt nicht automatisch „altes Eisen“. Die Altersvorstellungen von vielen Menschen sind überholt. Das aktuelle Modell in der Schweiz lautet: Mit 65 Jahren geht es in die Pension! Sowohl für Arbeitgeber als auch für die Arbeitnehmer ist dies zurzeit selbstverständlich. Der demografische Wandel wird es in Zukunft nicht mehr erlauben, auf das Knowhow der älteren Mitarbeitenden zu verzichten. Auch für die Senioren/innen wird dieser Wandel Änderungen mit sich bringen!

Die Einschränkungen im Alter

Dazu gehören etwa die auf verschiedenen Ebenen oft noch bestehenden Alterslimiten für politische, öffentliche Ämter, in Vereinen und für die berufliche Fort- und Weiterbildung. Personalentwicklung hat in Deutschland, Österreich und in der Schweiz noch immer eine Altersgrenze, welche bei 50 liegt. Wer älter ist, gilt als Relikt, in das es sich nicht mehr zu investieren lohnt. Ein Denkfehler, der fatale Folgen haben wird, wenn Unternehmer, Behörden und Vereine nicht rechtzeitig gegensteuern. Gerade ältere Menschen möchten als Experten in ihrem Bereich anerkannt werden, denn die Lernfähigkeit ist weder an das Alter gebunden, noch ist diese mit der im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung diskutierten Erhöhung des Rentenalters zur Sicherung der Sozialwerke zu vereinbaren.

Aber auch die für die Beurteilung der Fahrtüchtigkeit der 70+jährigen, alle zwei Jahre geforderten, immer schärferen Gesundheitschecks in der Schweiz bringen außer Papierkrieg, Wartefristen und Kosten nichts. Senioren/innen sind keine Gefahr im Strassenverkehr. Dies belegt eine Studie in den USA, gemäß der Kinder im Auto ihrer Großeltern sicherer sind, weil sie vorsichtiger fahren.

Als weitere Einschränkungen sind die Umsteigezeiten auf einigen Bahnhöfen der Bundesbahnen zu nennen, welche selbst von trainierten Mitmenschen schwierig einzuhalten sind!

Selbstbestimmt leben

Die meisten Senioren/innen wollen, wenn möglich, bis ans Lebensende selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben. Gefragt sind somit Investitionen in neue Wohnformen, wie etwa Wohnen mit Dienstleistungsangeboten nach Bedarf, intergenerationelles Wohnen, aber auch kleinere, bezahlbare, mit einfachen Hilfsmitteln ausgerüstete Wohnungen. Zudem ist die ältere Generation ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Im Tourismus, in der Hotelerie, in der Gastronomie, in der Waren- und Güterindustrie spielt sie als Konsument eine wichtige Rolle. Die Älteren regen zudem Innovationen im Hilfsmittel- und Dienstleistungsbereich an, die auch anderen Bevölkerungskreisen zugutekommen.

Tatsache ist, dass sich bereits heute viele Menschen entschieden haben, auch nach dem 65. Altersjahr ihren Beruf weiter auszuüben. Dabei handelt es sich allerdings mehrheitlich um selbständig Erwerbstätige oder Freiberufliche, die nicht an die starre „Altersguillotine“ gebunden sind. Das bedeutet, dass noch nicht erschlossene Marktlücken für die Wirtschaft vorhanden sind. Es lohnt sich demnach für alle Menschen über das Älterwerden nachzudenken, um es zu verstehen!

Verbinden

Im Grunde sind es immer die Verbindungen zu Menschen, die dem Leben seinen Wert geben! Welche Möglichkeiten gibt es für Senioren/innen, zwischenmenschliche Beziehungen zu fördern? Von den 19 Milliarden CHF, die jährlich in der Schweiz als Freiwilligenarbeit geleistet werden, tragen die Senioren/innen rund 3,7 Milliarden CHF bei, indem sie wichtige Aufgaben in Familie, Vereinen, Clubs, Verbänden und in der Gesellschaft allgemein erfüllen. Um im Alter erfolgreich vital zu bleiben, empfiehlt Dr. med. Albert Wettstein (Stadtarzt in Zürich von 1983 – 2011) Beziehungen zu pflegen und bestehende Netzwerke zu selektionieren. Dazu gibt es genügend Möglichkeiten, wie zum Beispiel eine Tätigkeit in Vereinen und in Zentren für Gerontologie, eine Teilnahme am Europäischen Studienprogramm DO-HEALTH zur Unterstützung der Gesundheit im Alter, eine Mitgliedschaft in Arbeitsgruppen für Senioren/innen AGSG ab über oder unter 65 oder an öffentlichen Seminaren oder Veranstaltungen teilzunehmen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ehemaligen treuen Kunden eine kleine, kostenlose Dienstleistung anzubieten. Durch die Partizipation am Studienprogramm DO-HEALTH werden die Senioren/innen während drei Jahren motiviert, konsequent verschiedene Muskeln und Gelenke des Körpers zu trainieren, um auch im Seniorenalter Beweglichkeit und psychische Frische aufrechtzuerhalten.

Es ist verblüffend festzustellen, wie schnell neue Netzwerke ohne grossen Aufwand entstehen. In generationsübergreifenden Gruppen können junge und ältere Mitglieder ihre ganz spezifischen Stärken am besten einbringen. Die Jungen bringen frisches Wissen in die Gruppe und die ältere Generation bringt ihre immense Erfahrung in die Projekte ein. Die fluide Intelligenz, wozu etwa Gedächnisleistung und die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung zählen, lässt im Alter nach. Diese Einbussen werden jedoch durch Zugewinne an kristalliner Intelligenz ausgeglichen. Vereinfacht ausgedrückt: Jüngere sind zwar schneller, Ältere kennen dafür die Abkürzung!

Vermarkten

Gar nichts zu tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt! (Mark Twain 1835 – 1910)
Nebst den Beziehungen ist es wichtig, auch als Senior/in noch etwas Sinngebendes zu tun! Braucht es dazu eine intensive persönliche Vermarktung? Sinngebendes Tun bedeutet auch helfen! Durch freiwillige Leistungen, wie unter Verbinden aufgeführt, vermarkten sich die Senioren/innen von selbst, ohne aufwendiges Marketing. Dabei habe ich festgestellt, dass auch bei einer Freiwilligenarbeit, irgendetwas zurückkommt, sei es eine grosse Befriedigung, weil die Beteiligten einem Anerkennung geben, oder auch Einladungen an exklusive Veranstaltungen und der Aufbau von neuen Netzwerken mit älteren und auch jüngeren Menschen.

Durch das konsequente Einhalten eines gesunden Lebensstils, wie beispielsweise durch masshalten beim Essen und Trinken und viel Bewegung, können die Senioren/innen ihr Persönlichkeitsprofil festigen, was sich letztlich auch positiv auf die Gesellschaft überträgt und Sympathien und Bewunderung verschafft. Es ist im Alter nicht unbedingt notwendig, Bücher zu schreiben und intensiv Werbung zu betreiben. Während meiner aktiven Zeit als Führungs- und Verkaufstrainer habe ich stets versucht, mein Persönlichkeitsprofil den Branchen und Zielgruppen anzupassen, was mir Aufträge ohne grossen Werbeaufwand brachte. Auch Senioren/innen sollten ihr Tun aufgrund ihres Persönlichkeitsprofiles den Gegebenheiten im Alter anpassen, sich für neue Themen öffnen, Zielgruppen sowie Möglichkeiten finden, um sich zu vermarkten!

Fazit:

Brauchen wir ein neues, ganzheitliches Altersverständnis für die Gestaltung des Lebensherbstes mit den Senioren/innen als Gewinn für alle? Meine Antwort ist „J’ein“! Ja, für einige Behörden, Krankenkassen, Bahnen und unzufriedene Senioren/innen! Nein, für die überwiegende Mehrheit der Menschen, welche, wie meine eigenen Erfahrungen zeigen, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Verständnis älteren Menschen entgegenbringen und das ist gut so!

 

Literaturhinweis und Quellennachweis:

  • Beilage MediaPlanet Tages-Anzeiger vom 14.12.2014
  • Manager Seminare vom September 2014
  • H+I Auslese Kt. Schwyz Nr. 466 vom 17.12.2014„Editorial“
  • Sonntags Zeitung vom 30.11.2014 Leserbrief „Rentner steuern SBB-Züge“
  • Vortrag vom 23.10.2012 in Einsiedeln von Dr. med. Albert Wettstein „Vital alt werden“
  • Tages Anzeiger vom 06.10.2014 Beilage „Lebenslanges Lernen“
  • DO-HEALTH Studienprogramm Zentrum für Alter und Mobilität Universität Zürich www.do-health.eu
  • agsg Arbeits-Gruppe Senioren am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich www.zfg.uzh