Im Jahr 2030 werden 35 Prozent der Deutschen älter als 60 sein und davon 6,2 Millionen älter als 80. Bei Arbeitern, Angestellten und Beamten endet im Alter zwischen 62 und 67 Jahren meist das Arbeitsverhältnis, und sie wechseln in die Gruppe der Rentner bzw. Pensionäre. Die allerdings teilweise, entweder aus Leidenschaft oder weil die Rente nicht reicht, munter weiterjobben. Aber wie sieht es mit den alternden Beratern und Trainern aus, die mit 70, 75 und älter immer noch ihren Beruf ausüben oder ausüben möchten? Haben diese noch einen «Marktwert»?

Die Story von Ernest Hemingway

Als Schüler las ich die Novelle «Der alte Mann und das Meer» von dem Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway, der darin von einem kubanischen Profifischer namens Santiago erzählt, der, mittlerweile in die Jahre gekommen, glücklos 84 Tage lang angelt. Dabei muss er zusehen, wie seine Kollegen mit reichem Fang heimkehren. Sein Mitarbeiter, ein Junge, der bei ihm den Fischerberuf erlernt hat, verlässt ihn. Aber warum fährt der alte Fischer trotz der vielen Enttäuschungen immer wieder hinaus aufs Meer? Es ist seine Leidenschaft, die nur das «Mehr», den grossen Fisch kennt. Dann endlich hat er einen Marlin an der Angel, zwei Fuss länger als sein kleines Ruderboot und viel zu riesig für den alten Fischer, der grössenwahnsinnig geworden zu sein scheint. Der Marlin zieht ihn an der Angelschnur auf das offene Meer hinaus. Vom verbissenen, ungleichen Kampf mit dem Marlin, der vier Tage und Nächte andauert, trägt der Fischer viele Verletzungen davon. Schliesslich gelingt es ihm, den Marlin zu töten und an der Bordseite seines Bootes zu befestigen. Doch dann fallen Haie – auf die der alte Mann bis zuletzt mit dem Ruder einschlägt – über den Marlin her. Für den alten Mann bleibt nur noch das Fischgerippe übrig. Er ist am Ende seines Lebensweges als Fischer angelangt.

Zufällig entdeckte ich diese perfekte Kurzgeschichte, ein Meisterwerk der Weltliteratur, verstaubt in meinem Kellerarchiv wieder. Als ich darin blätterte, bemerkte ich, dass sich meine Sichtweise seit meiner Schülerzeit völlig verändert hatte. Statt des grössenwahnsinnigen Alten von damals hatte ich nun das Bild eines liebenswürdigen, gleichaltrigen Trainers und Berater-Kollegen vor Augen, der glücklos Aufträgen hinterherrennt – aber kein Unternehmen beisst mehr an. Dann knabbert schliesslich doch noch ein grosser Kunde, der allerdings die Kräfte des Trainers übersteigt, vorsichtig am Köder. Die sichergeglaubte «Beute» wird schliesslich von den Wettbewerbern zerfleddert.

Parallelen zur Literatur

Ich entdeckte weitere Parallelen zwischen «Der alte Mann und das Meer» und einem alten Berater oder Trainer. Letzterer fährt zwar nicht auf das Meer hinaus – er strebt aber nach einem «Mehr» an Umsatz, Kostenersparnis und Rendite für seine Kunden und zusätzlich nach einem «Mehr» für sich selbst, denn aus dem Arbeiten und Zusammenwirken mit Menschen ziehen Trainer und Berater die Energie für ihr Ego.

Die Fähigkeit, dass Ältere durch Vormachen bei Jüngeren das Erlernen von Fertigkeiten auslösen, besitzen bereits viele Tiergattungen. Aber erst den frühen Menschen war es durch die Entwicklung der Sprache möglich, auch abstrakte Sachverhalte zu vermitteln. Bevor die Schrift erfunden wurde, waren es die Märchen- und Geschichtenerzähler, die das Wissen an die junge Generation weitergaben. Es war die Geburtsstunde der frühen Trainer und Berater, die Eingang in die Welt der Mythologie (z. B. der listenreiche Odysseus), der Theaterstücke (z. B. Nathan der Weise) und der populären Literatur bzw. der Filme (z. B. Gandalf in «Der Herr der Ringe») gefunden haben. Stets wirken in diesen Geschichten weise ältere Frauen und Männer im Hintergrund, die das Geschehen beeinflussen. Und ist es nicht der Traum eines jeden alten Trainers, wie ein alter Häuptling am Lagerfeuer vor staunenden jungen Menschen von seinen Erfahrungen zu berichten? Eben: Storytelling!

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Aber Vorsicht! Hier gibt es bei den in die Jahre gekommenen Beratern und Trainern eine Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Anspruch und Realität. Besitzen die Älteren denn noch die Empathie, um sich in junge Menschen hineinzufühlen? Leben junge Menschen nicht geistig und körperlich in einer Welt, zu der die Älteren schon lange nicht mehr gehören? Hören die alten Berater oder Trainer, wie die Jungen untereinander flüstern: «Das hat der alte Knacker bestimmt schon vor 40 Jahren erzählt»? Reicht es aus, wenn dieser dann in Gedanken kontert: «Die jungen Hüpfer von heute haben doch keine Ahnung»? Wie wirkt ein solcher Berater auf junge Menschen? Sehen sie ihn auf dem Weg vom jugendlichen Helden zum alten Weisen – oder eher auf dem Weg zum komischen Alten? Auch dieser Typus ist in den klassischen Komödien reichlich vertreten.

Vom statischen zum dynamischen Selbstbild

Künstler, insbesondere Spitzenmusiker, beherzigen meist die Regel, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft abtreten und weitere öffentliche Auftritte unter ihrem Niveau vermeiden sollten. Dieser lobenswerte Grundsatz widerspricht aber der menschlichen Natur, die eher – ebenso wie die anderer Lebewesen – durch Homöostase geregelt ist: Man versucht, den bestehenden Zustand zu stabilisieren und jeden Verlust zu vermeiden.

Auch der innere Monolog des Fischers Santiago lautete: «Gewinnen, gewinnen, du musst unbedingt gewinnen! Beweise dich! Ein Sieg ist das Einzige, was zählt!» Aber Erfolge machen auch blind und lullen ein. Viele Menschen mit einem statischen Selbstbild sind der Auffassung, die Welt müsse sich verändern, nicht sie selbst. Ausserdem empfinden sie es als unter ihrer Würde, sich mit weniger zufrieden zu geben. Die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck stellt dem ein dynamisches Selbstbild gegenüber, das sich selbst immer wieder auf den Prüfstand stellt, das ein Missgeschick als Chance begreift, sich zu verbessern, und das dazu motiviert, sich auf Neues einzulassen. Menschen mit einem statischen Selbstbild laufen dagegen vor ihren Problemen davon. Wenn etwas schiefgeht, dann fühlen sie sich sofort als Person beurteilt. Es ist einfacher, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Statt ihre Defizite bewusst anzugehen, schaffen sie sich eine Traumwelt, in der keine Defizite vorkommen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Politiker an ihrem «wohlerworbenen» Sessel kleben und keine Neigung verspüren, abzutreten.

Die Weisheit des Alters sollte gerade darin bestehen, sich darüber im Klaren zu sein, dass man nicht mehr alles können muss und stattdessen bewusst verzichtet, um das Verbleibende aus vollem Herzen zu geniessen. Aber die Fähigkeit dazu ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur. Insbesondere Narzissten neigen zu einem sehr statischen Selbstbild. Selbstverliebt sonnen sie sich in den Erfolgen von gestern – aber diese wiederholen sich nicht mehr. Sie sind süchtig nach Beifall, nach der Anerkennung und Zuwendung, die sie als Berater und Trainer gewöhnt sind. Bleiben diese aus, dann spüren sie eine innere Leere. Nicht mehr als Berater oder Trainer tätig sein zu können, führt zu Entzugserscheinungen, die schmerzen. Aber wer die Gabe hat

  • neugierig und offen für Neues zu bleiben,
  • positiv und emotional ausgeglichen seinen Alterungsprozess zu reflektieren und
  • die Illusion zu überwinden, alles im Leben kontrollieren zu können,

der hat es einfacher, diese Entzugserscheinungen in den Griff zu bekommen, um wenigstens ein paar Schritte auf dem Weg zur Weisheit voranzuschreiten. Denn wer sich nicht entscheiden kann, wofür er leben will, kann sich nur verirren.

Der Wandel

Bei Trainings- und Beratungsleistungen handelt es sich um ein filigranes Zusammenspiel von kreativer Intelligenz, Emotionen, Gedächtnis, Wertvorstellungen, Sprache und komplexen Sozialbeziehungen. Man kann auch sagen: Jede erbrachte Leistung ist einzigartig. Das weiss auch der Auftraggeber. Aber gerade deshalb stellt sich dieser die Frage: Erfasst der in die Jahre gekommene Berater oder Trainer noch die künftigen Herausforderungen, denen sich das Unternehmen stellen muss?

Von 1965 bis etwa 1990 gab es eine «goldene Zeit» für Berater und Trainer, die durch langjährige Bindungen, Vertrauen, wenn nicht gar Freundschaften zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer geprägt waren. Heute ist es kaum vorstellbar, dass Jobcenter – damals noch «Arbeitsämter» genannt – Topmanagern die Seminarkosten als Aufwendungen für Fort- und Weiterbildung erstatteten und Hochschullehrer ihre «Nebeneinkünfte» aus Beratung und Training nur mit dem halben Steuersatz zu versteuern brauchten. Im Trainings- und Beratungsbereich herrschte eine Kultur der gegenseitigen Grosszügigkeit. Bei der Auftragsvergabe waren Einkaufsabteilungen und Controlling noch nicht eingebunden, und ein Feilschen um Honorare galt eher als würdelos. Diese Zeiten, die die alten Berater und Trainer geprägt haben, sind längst vorbei. Die grosszügige Haltung von damals wurde von verschärftem Renditedenken und kurzfristigen Zielvereinbarungen mit detaillierter Erfolgskontrolle abgelöst, eingebunden in rauere Umgangsformen. Masslosigkeit im Urteil über andere, Shitstorms, Fake News, Beleidigungen, Cybermobbing sind für viele heute Normalität. Die ältere Generation empfindet diese Form der Kommunikation aber meist als respektlos, als eine Verletzung des Anstands.

Bei der Auftragsvergabe ist heute die Frage ausschlaggebend: Bringen die Älteren noch die Energie und den Schöpfungswillen für Innovationen auf, wenn der digitale Fortschritt – von sich selbst getrieben – im Kontext der Globalisierung alle Lebensbereiche gleichzeitig verändert? Hinzu kommen eine noch nie dagewesene Geschwindigkeit und eine generelle Unvorhersehbarkeit, in der traditionelle Branchen sich verändern oder gar aussterben und neue Betriebsformen entstehen.

Wenn künftig Algorithmen darüber entscheiden, welcher Berater oder Trainer im Unternehmen zum Zuge kommt, und nicht mehr das Leistungsprofil auf der Website, wie verändern sich dann die Akquisitionschancen? Der persönliche Auftritt, Vertrauen, gewachsene Freundschaften zählen nicht mehr. Der Algorithmus, aufbauend auf Logik und Korrelationen, ist so komplex, dass sich sein Ergebnis nicht mehr zurückverfolgen lässt. Diese «digitale Alchemie» liefert ein vermeintliches Psychogramm eines Beraters oder Trainers, das durch alle erdenklichen Daten und Spuren, die er beim Surfen im Netz und in Clouds hinterlassen hat, bestimmt wird, mit dem knallharten Ergebnis: Du bekommst den Job und du nicht! Welche Chance hat dann noch der alte Berater oder Trainer?

Das Resümee

Wahrscheinlich befinden wir uns mitten in einem der grössten Umbrüche der Arbeitswelt. Menschen werden durch Computer und Roboter aus dem Arbeitsprozess verdrängt. Andererseits werden neue Arbeitsplätze geschaffen. Wenn bei unternehmerischen Zukunftsentscheidungen sprunghafte, disruptive Entwicklungen dominieren, was zählen dann noch die Erfahrungen von gestern? Sind diese nicht eher ein Hemmschuh?

Robotik und künstliche Intelligenz haben in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte erlebt. Die Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne zeichnen in ihrer Oxford-Studie ein düsteres Bild von der Zukunft der Arbeit. Sie sagen voraus, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten jeder zweite Job in den USA ersetzbar sein wird. Warum nicht gleich den Berater durch einen Roboter ersetzen?

Der alte Fischer Santiago in Hemingways Novelle, erschöpft, verletzt, aber mit ungebrochenem Stolz auf die Haie starrend, spuckt in den Ozean und ruft: «Fresst das, galanos. Und bildet euch ein, dass ihr einen Mann getötet habt.» Er weiss, er ist jetzt endgültig besiegt. Und während er nachts die vielen Meilen heimwärts segelt, denkt er: «Es macht nichts, wenn man besiegt ist. Ich habe nie gewusst, wie wenig das macht.» Dann fragt er sich weiter: «Und was hat dich besiegt?» «Nichts», sagt er laut. «Ich bin zu weit hinausgefahren.» Aber Hemingway wäre nicht Hemingway, wenn er seinem Roman nicht einen Hoffnungsschimmer hinzufügen würde. Der Fischerjunge, der seinen alten Meister liebt, verehrt und bemitleidet, möchte mit ihm wieder hinausfahren. Er könne noch so viel von ihm lernen. «Nein. Ich habe kein Glück mehr», meint der Alte. «Zum Teufel mit dem Glück», sagt der Junge. «Dann bringe ich Glück mit.