Das Kloster Einsiedeln ist ein Benediktinerkloster in der Schweiz. Rund 60 Mönche und Brüder leben nach der Regel des heiligen Benedikts in einem barocken Kloster. Die Mönche stützen ihr gemeinschaftliches Leben auf einer sehr alten Tradition ab.

Die Benediktinerregel von 520 n. Chr. – eine „Gebrauchsanleitung“ für die Gemeinschaft

Der hl. Benedikt von Nursia (480 – 547) hat die Regel für den Benediktinerorden ungefähr im Jahre 520 n. Chr. verfasst. Seit dieser Zeit gilt die Regel als Hilfe und Anleitung für eine geistliche Bewältigung des Alltags. Nicht nur die Benediktiner Mönche der Klöster auf der ganzen Welt leben nach dieser Regel. Auch viele Manager und Unternehmer haben die Regel gelesen, um Anleitungen für ihr Führungsverhalten in den Unternehmungen zu erhalten. Eine Gemeinschaft braucht Regeln und Ordnung, damit das Zusammenleben funktioniert. Dies war die ursprüngliche Funktion der Regel. Heute wird die Benediktinerregel auch zu Rate gezogen, um schwierige (Führungs)Entscheidungen im Leben fällen zu können. Die Werte einer Regel, welche vor rund 1500 Jahren geschrieben wurde, gelten auch heute noch. Der hl. Benedikt führt in der Regel 7 Punkte zur „geistlichen Kunst“ an:

  1. Hören ist die Voraussetzung für Begegnung; Zuhören ist die Disziplin des Herzens. Das Herz für den Mitmenschen öffnen heisst, ihm zuhören
  2. Gehorsam ist grundsätzlich das Befolgen von Geboten oder Verboten. Das Wort leitet sich von Gehör, horchen und hinhören ab. Es bedeutet auch, sich einer Autorität unterzuordnen, im Falle des Klosters dem Abt. Mit hörendem Herzen wächst der Mensch in Gehorsam hinein.
  3. Schweigen, eng mit dem Hören verbunden, bedeutet für Benedikt, sich für die Gegenwart anderer Menschen zu öffnen. Beim Schweigen lasse ich dem Mitmenschen Platz, sich mitteilen zu können.
  4. Demut ist notwendig, um sich von sich selbst zu befreien und so Platz für den Mitmenschen zu schaffen.
  5. Das rechte Mass, von allem nicht zu viel und nicht zu wenig, nennt Benedikt die Mutter aller Tugenden.
  6. Freude: Der Mensch soll in Freude leben können. Deswegen achtet Benedikt darauf, durch Trösten, Ermutigen, Helfen und Stärken ein Zusammenleben in Freude zu ermöglichen
  7. Liebe, die sowohl Ausgangspunkt als auch Ziel auf dem ganzen Weg des geistlichen Lebens ist.

Obwohl bereits vor 1500 Jahren festgelegt, eignen sich diese sieben Anweisungen auch heute noch als Leitlinien für den Alltag und das Training von Führungs- und Verkaufskompetzenz.

Der Wandel der modernen Zeit beeinflusst das Klosterleben

Urban Federer, zur Zeit Abt des Klosters Einsiedeln, ist ein reger Facebook-Nutzer und ist auch auf anderen Social Media Kanälen sehr präsent. Er postet zu Themen aus dem Klosterleben und äussert sich zu aktuellen Themen im Netz. Die Werte des Klosters bleiben bestehen, was sich wandelt ist lediglich die Technologie und die Möglichkeiten zur Kommunikation. Das Kloster Einsiedeln ist heute einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region Einsiedeln. Weit über 200 Mitarbeitende sind im Kloster Einsiedeln angestellt und erhalten den Lebensunterhalt von der Mönchsgemeinschaft. Als Vorsteher des Klosters führt Abt Urban somit nicht nur die Gemeinschaft der Mönche, sondern auch ein mittelgrosses Unternehmen mit Mitarbeitenden, in der klostereigenen Schule (Gymnasium und theologische Fakultät), im klösterlichen landwirtschaftlichen Betrieb, für die Wallfahrt, in der Verwaltung, in der Krankenstation der Mönche, in der Küche und in anderen klösterlichen handwerklichen Betrieben. Die Klosterbetriebe sind wie eine moderne Firma aufgebaut und werden nach modernen Führungsgrundsätzen geführt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die oberste Entscheidungsinstanz der Konvent ist, also die Versammlung aller Mitbrüder des Klosters. Die Tradition der Benediktinerregel verlangt, dass Mehrheitsentscheide von allen akzeptiert werden – also auch vom Abt selbst.

Das Leben in der Klostergemeinschaft funktioniert trotz modernem Wandel

Obwohl die Zahl der Mönche in der Klostergemeinschaft rückläufig ist, funktioniert die Gemeinschaft sehr gut. Die Mönche erfüllen Aufgaben im Dienste der Klostergemeinschaft und der Gesellschaft. So wird z. B. die Pfarrei Einsiedeln und Umgebung durch die Mönche geführt. Auch in der Seelsorge sind deren Dienste immer wieder sehr gefragt. Das Kloster bietet zudem Managern die Möglichkeit, eine Auszeit zu nehmen und gemeinsam mit den Mitbrüdern das Klosterleben zu erleben. Viele Manager nutzen dieses Angebot und ziehen sich für eine gewisse Zeit vom Alltagsstress zurück. Die klare Tagesstruktur im Kloster mit fünf Gebetszeiten, Arbeitszeiten und geregelter Freizeit helfen den Wirtschaftspersönlichkeiten sich zu entschleunigen. Doch auch die Vorteile des modernen Wandels werden im Kloster genutzt. So hat praktisch jeder Mönch einen eigenen Computer, um seine Aufgaben zu erledigen. Die wissenschaftlich wertvollen Bücher der barocken Stiftsbibliothek sind in weltweit vernetzten Indizes enthalten, um der Wissenschaft Zugang zu verschaffen. Die Mönche der Klostergemeinschaft leben sehr ausgeglichen nach dem immer noch geltenden Wahlspruch „ora et labora“ – bete und arbeite. Schon für den hl. Benedikt war also die Work-Life-Balance wichtig. So sind für die Mönche unter anderem immer wieder Zeiten für das stille Lesen vorgesehen. Es ist also kaum Zufall, dass Mönche im Durchschnitt ein sehr hohes Alter erreichen. Die klar geregelte Tagesstruktur hilft hier bestimmt. Jede Gemeinschaft braucht Traditionen, um ihren Mitgliedern und dem Leben in Gemeinschaft eine Ordnung geben zu können. Denn gerade in Zeiten intensiven Wandels sind starke Werte wichtige Leitlinien und Quelle von Sinn und Orientierung – vor 1500 Jahren ebenso wie heute.