Die außergewöhnliche Geschichte von Khadija Niazi

Im Jahre 2011 machten Sebastian Thrun und Peter Norvig, beide Professoren an der Stanford University, ein Experiment. Sie führten den Kurs «Einführung in die künstliche Intelligenz» als sogenannten MOOC durch. Ein MOOC ist ein «Massive Open Online Course», also ein Kurs, der übers Internet verbreitet wird. Es nahmen rund 160’000 Menschen aus 190 Ländern teil. 23’000 absolvierten den Kurs erfolgreich. Bemerkenswert war, dass der beste Student aus Stanford «nur» den 413. Platz belegte. Folglich waren 412 Teilnehmer aus der ganzen Welt besser als der Beste der Elite-Uni. Khadija Niazi, ein Mädchen aus Pakistan, absolvierte den Kurs auch, und zwar erfolgreich. Das Besondere daran war aber, dass sie damals erst elf Jahre alt war. Sie besaß als Infrastruktur einen Computer und schnelles Internet. Zudem zeigte sie viel Durchhaltevermögen.

Im Januar 2013 war Khadija Niazi zu Gast beim World Economic Forum in Davos, wo sie zu ihren Erfahrungen befragt wurde. Sie offenbarte dabei, dass sie sich dank internetbasierten Bildungsplattformen wie Coursera und Udacity das nötige Wissen hatte aneignen können. Im Juli 2016 twitterte sie voller Stolz, dass sie das erste pakistanische Mädchen sei, das an der Internationalen Sommerschule für junge Physiker teilnehmen dürfe.

Demokratisierung der Schule

Das Beispiel von Khadija Niazi zeigt, dass immer mehr Wissen überall zugänglich ist, und das nicht zuletzt dank des Internets. So wie heute Informationen und Wissen auf Wikipedia umfassend und gratis zur Verfügung stehen, werden auch Bildungsinhalte und Kurse verfügbar sein. Es gibt heute kaum jemanden mehr, der etwas in einem Lexikon nachschlägt. Wikipedia hat dem Brockhaus den Rang schon lange abgelaufen. Genauso wird sich auch die Bildung verändern. Coursera, Udacity und die Khan Academy sind reine Online-Bildungsinstitute, welche ihre Kurse entweder sehr kostengünstig oder gar gratis anbieten. Stellen Sie sich vor, jeder der 160’000 Teilnehmer hätte nur einen einzigen Dollar bezahlen müssen. So sind die Grenzkosten eines MOOC vernachlässigbar. Solche Plattformen boomen, weil das Angebot laufend ausgebaut wird und eben fast nichts kostet.

Wissen wird auch gerne geteilt. Bestimmt haben Sie auch schon Anleitungen oder Erklärvideos auf YouTube gefunden und waren demjenigen meist dankbar, der diesen Beitrag gratis für die Allgemeinheit erstellt hat. Im Jahr 2016 wurden auf YouTube täglich sagenhafte 500 Millionen Videos angesehen, die bildungsrelevanten Inhalt hatten. 70 Prozent der Millennials (Generation Y) sahen ebenfalls im selben Jahr Videos mit Lerncharakter (Quelle: Think with Google).

Disruption in der Bildung

Wenn Bildung zunehmend «anywhere and anytime» verfügbar und dabei auch noch gratis oder fast gratis sein wird, dann ist die Disruption in der Bildung angekommen. Disruptive Veränderungen mussten andere Branchen auch schon erfahren. Disruptiv heißt, im engeren und wörtlichen Sinne, zerstörend. Im weiteren Sinne bedeutet es, das Bestehendes durch etwas Neues fast oder ganz verdrängt wird. Es kann sich hierbei um eine Technologie oder um ein Geschäftsmodell handeln. Die analoge Fotokamera wurde sehr rasch von der digitalen Kamera ersetzt und ist heute praktisch bedeutungslos. Die Digitalkamera ihrerseits wurde vom Smartphone fürs Fotografieren schon fast verdrängt.

Sind Coursera, Udacity, Khan Academy & Co. das Wikipedia der Universitäten? Alles deutet darauf hin, dass die Zeichen für die klassischen Bildungsinstitute auf Sturm stehen. Viele potenzielle Kunden werden an solche Online-Bildungsinstitute abwandern, denn die allgegenwärtige Verfügbarkeit und die geringen Kosten wiegen zu schwer. Bestimmt werden Sie jetzt die Vorzüge des Klassenunterrichts ins Feld führen. Keine Frage, die Qualität im Unterricht – vorausgesetzt, der Lehrer ist gut – ist dem Onlinekurs überlegen. Doch können sich wirklich alle Personen auf diesem Planeten einen Klassenunterricht leisten, so wie wir hier in der westlichen Welt? Gerade in Entwicklungsländern ist es ein Privileg, sich ausbilden lassen zu können.

Digitale Instrumente in der Schule

Künftig werden wir viele digitale Instrumente zur Unterstützung und Ergänzung im klassischen Schulbetrieb einsetzen. Dank Spracherkennung steuern wir Geräte, Bots und Sprachassistenten, die uns beim Vermitteln von Lerninhalten behilflich sind. Vokabeln lernen geht dann dank Amazon Echo viel leichter als früher, als uns noch die Mutter abfragen musste. Wir sagen dann nur noch: «Alexa, ich möchte gerne englische Vokabeln lernen.» – «Jörg, möchtest du gerne bei der zuletzt geübten Lektion fortfahren? Da hast du das letzte Mal ja noch einige Lücken gezeigt.» – «Ja, Alexa, bitte sehr.» Mithilfe der Cloud und der vielen Endgeräte stehen uns die Lektionen überall und ständig zur Verfügung. Vokabeln lernen kann man dann mit einer App auch beim Warten an der Bushaltestelle. Künstliche Intelligenz und Robotertechnologie machen es möglich, dass unser Lerncoach menschenähnliche Züge annimmt. So wird das Lernen noch leichter.

In der beruflichen Weiterbildung wird Augmented Reality zum festen Bestandteil werden. Der Servicetechniker kann sich das benötigte Wissen direkt von der zu reparierenden Maschine abrufen und spart somit viel Zeit fürs Erlernen der Bedienung der Maschine und bei der Durchführung der Reparatur. Virtual Reality (VR) ermöglicht Trainings, die sehr realitätsnah sind. Das Sprachtraining kann so viel wirklichkeitsgetreuer durchgeführt werden. Der Dialog am Bahnschalter wird dann so real, wie wenn wir selbst am Schalter stünden. VR wird heute schon von Medizinstudenten eingesetzt, die auf diese Weise die menschliche Anatomie viel realitätsgetreuer studieren können, als es bisher jedes noch so gute Buch vermitteln konnte.

Der Chirurg wird dank VR die bevorstehende Operation immer und immer wieder üben können, bis die Handgriffe sitzen. Mithilfe von VR wird er aber auch eine Operation über beliebige Distanzen ausführen können, als ob er selbst vor Ort wäre. Am Zielort, wo der Patient im Operationssaal liegt, führt ein Roboter die Operation durch, gelenkt durch den weit entfernten Chirurgen. Doch schon bald werden Roboter selbst operieren. Sie denken, das sei Science-Fiction? Weit gefehlt. Erst vor wenigen Monaten hat ein Roboter eine Zahnoperation durchgeführt.

Welche Fähigkeiten braucht es in der digitalen Schule der Zukunft?

Die Erfahrungen von gestern sind morgen immer weniger wert. Die Halbwertszeit des Wissens nimmt ständig ab. Schüler und Studenten von heute brauchen eine hohe Mediennutzungskompetenz. Sie müssen die Anwendungen rasch und intuitiv nutzen können, ohne dass sie jedes Mal einen Lehrgang dafür besuchen müssen. Richtig recherchieren und dabei wahr von unwahr (Fake News) unterscheiden zu können, ist in unserer Welt eine grundlegende Kompetenz. Strukturiertes und logisches Denken ist eine weitere wichtige Voraussetzung für den Erfolg im Leben. Und zu guter Letzt muss man ständig offen für neue Errungenschaften sein. Hierbei ist auch die Kultur des «Trial and Error» sehr wichtig, denn heute können wir nicht mehr alles lernen, sondern müssen uns mit Versuch und Irrtum an Neues herantasten.

Die digitale Schule der Zukunft

Dank der überall verfügbaren Cloud, den Apps und Robotern werden wir uns in Zukunft mehr Lerninhalte selbst aneignen können. So können wir auch mehr Inhalte zu Hause aufnehmen. Ganz gleich in welchem Alter. Auch Erwachsene haben im Zeitalter des lebenslangen Lernens vielfältige Bildungsbedürfnisse. Die Lehrpersonen werden eine neue Rolle einnehmen. Sie sind vermehrt Lerncoach, der in Projektwochen die Fähigkeiten und das soziale Verhalten mit den Schülern oder Studenten übt.