Es ist der 6. Juli 2013. Ein Boeing 777 der Asiana Air nähert sich nach 11 Stunden Flug dem Flughafen von San Francisco. Eigentlich sieht alles aus wie immer, doch in wenigen Minuten wir das Flugzeug bei der Landung verunglücken.

Im Endanflug wird das Flugzeug zu langsam. Flugzeuge brauchen aber eine bestimmte Geschwindigkeit, um zu fliegen. Werden sie zu langsam, erzeugen die Tragflächen nicht mehr genügend Auftrieb, um die Maschine sicher in der Luft zu halten. Und genau das ist in San Francisco passiert. Das Flugzeug sackt durch, kollidiert mit einer Kaimauer, schlägt vor der Landebahn auf und kommt endlich, schwer beschädigt, zum Stehen. Eine Katastrophe, die drei Passagiere mit ihrem Leben bezahlen.

Wie immer in solchen Situationen wird sehr schnell von menschlichem Versagen gesprochen, die Piloten haben Fehler gemacht, die letztlich zum Unfall führten. Und natürlich stimmt das auch.

Moderne Verkehrsflugzeugen haben jede Menge Systeme, die die Piloten in Ihrer Arbeit unterstützen. So hat die 777 zum Beispiel eine automatische Schubkontrolle. Ähnlich wie der Tempomat beim Auto regelt dieses System die Leistung der Triebwerke. Um eine bestimmte Geschwindigkeit zu halten, gibt es automatisch Gas oder reduziert die Leistung. Doch genau wie beim Auto, gibt es bestimmte Aktionen, die das System abschalten. Beim Auto, wenn man auf die Bremse tritt, beim Flieger wenn man die Gashebel auf Leerlauf zieht.

Genau das ist passiert und: es wurde von der Crew nicht bemerkt. Und hier liegt das Problem: drei Piloten im Cockpit, allesamt mit tausenden von Flugstunden, und keinem der drei fällt auf, dass der Flieger im Leerlauft läuft und die Geschwindigkeit langsam auf einen Wert sinkt, der mehr als 20% zu niedrig ist.

Die Welt ist komplex geworden – Automatisierung hilft

In unserer Welt heute gibt es massenweise solche computergestützten, digitalen Assistenzsysteme. Alexa bestellt Kaffee, Siri bucht Flugtickets und der Kühlschrank weiß selbst am besten, wann es für ihn Zeit ist abzutauen und er leitet auch selbstständig die nötigen Schritte ein.

Auch im Business sind diese digitalen Helfer nicht mehr wegzudenken. CRM-Systeme, virtuelle Konferenzen, Sprachcomputer, die einem vorgaukeln, man würde mit einem echten Menschen reden – und man merkt es noch nicht einmal. All das ist völlig normal geworden. Manche dieser Systeme, wie E-mail oder Smartphone sind aber schon lange nicht mehr nur normal. Sie scheinen lebensnotwendig geworden zu sein.

Und natürlich macht diese Unterstützung auch Sinn. Während Kunden früher geduldig auf Angebote warteten, ist man heut schon unzufrieden, wenn die Reaktion auf eine Anfrage nicht mehr am gleichen Vormittag erfolgt. Ohne diese ganzen digitalen Helferlein könnten wir wohl heute unseren Arbeitsalltag nicht mehr managen.

Erlernte Hilflosigkeit

Doch diese Technologien bringen eben nicht nur Vorteile mit sich. Zu viel Hilfe macht bequem und was noch problematischer ist: zu viel Hilfe macht hilflos.

Als junger Mann hatte ich im Kofferraum meines Autos immer eine Kiste mit Stadtplänen. Jetzt trauere ich dieser Zeit nicht unbedingt nach und dennoch würde es mich interessieren, wie Menschen, die diese Zeit nicht mehr erlebt haben, heute mit einem Falk-Plan mit Patentfaltung zurechtkämen. Wir haben uns durch unsere digitalen Unterstützer jede Menge persönliche Fähigkeiten zuerst abgewöhnt und sie schließlich verlernt. Und damit haben wir uns in eine selbstgemachte Abhängigkeit manövriert, die jeder kennt, dem schon einmal die Festplatte abgeschmiert ist. In dem Moment wo die digitale Welt sich verweigert sind wir analog nicht mehr lebensfähig.

Verantwortungsdelegation

Aber sie machen es uns halt auch leicht. Sie lösen Probleme, sind immer da, wenn wir sie brauchen und sie halten sich dabei im Hintergrund. Brenzlig wird das Ganze nur, wenn wir uns von diesen Systemen Entscheidungen abnehmen lassen. Natürlich folge ich der Routenempfehlung meines Navis ohne diese ständig zu hinterfragen. Aber warum steuern Menschen ihre Autos in Hafenbecken, nur weil das Navi gesagt hat „noch 500 Meter, dann haben sie Ihr Ziel erreicht.“ Und bin ich eigentlich der Einzige, der es als fragwürdig erlebt, dass betriebliche Abläufe verändert werden, nicht damit sie besser werden, sondern damit sie von der betriebswirtschaftlichen Software abgebildet werden können.

Als Manager haben wir Verantwortung und aus dieser Verantwortung heraus treffen wir Entscheidungen. Doch allzu häufig passiert es inzwischen, dass diese Entscheidungen nicht mehr willentliche getroffen werden, sondern dass ein System sie vorgibt. Natürlich könnten Sie einwenden, dass Ende immer noch der Mensch einschreiten kann. Aber tut er das?

Wir leben in einer digitalen Welt, und doch sind wir analoge Lebewesen. In San Francisco haben sich drei erfahrene Piloten so auf ihre digitalen Systeme verlassen, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnten, wie es ohne wäre.

Die Möglichkeit das eines dieser Systeme schlicht und einfach nicht arbeitet, und zwar ohne dies durch schrille Warnlampen kundzutun, lag so weit außerhalb des Vorstellungsvermögens, dass ganz offensichtliche Warnsignale nicht wahrgenommen wurden. Und das hat drei Menschen das Leben gekostet.

Die digitale Welt erleichtert uns das Leben und hat jede Menge Vorteile gebracht. Wir sollten uns nur immer wieder bewusstmachen, wer die Verantwortung trägt. Jede Technologie birgt Risiken. Wir müssen diese Risiken managen, doch als „analoge Fossilien“ stehen uns da noch gehörige Herausforderungen bevor.