Eine Anschauung aus dem Alltagsleben

Dass digitale Medien die Welt erobern, ist nicht neu. Der Vorgang ist auch längst noch nicht abgeschlossen. Immer wieder wird betont, dass wir wohl in einer digitalen Welt leben, das Leben aber als solches ja immer noch analog ist. Hier beginnt die erste Definitionsfrage: was ist „Leben“? Man kann das selbstverständlich philosophisch, psychologisch, theologisch betrachten und kommt der eigentlichen Wahrheit wohl im besten Sinn nur „nahe“ – es wird ein Geheimnis bleiben.

Ich übersetze „Leben“ für einmal einfach in „das-was-gerade-hier-mit-mir-geschieht“ oder einfach auch mit „Alltagsleben“.

Und hier denke ich, „leben“ tatsächlich schon viele Menschen recht ordentlich „digital“. Wir beobachten Jugendliche, die sich ständig in den sozialen Medien bewegen, auch dann, wenn Papi und Mami zu Präsenz am Mittagstisch ermahnen. Das Problem ist ja nicht (nur), dass der aktuelle Talk am Mittagstisch nicht immer jugendgerecht ist oder grundsätzlich aus Sicht eines Pubertierenden langweilig sind muss, sondern dass er meint, sonst etwas zu verpassen.

Das ist die Sicht der Erwachsenen. Wir meinen, dass er/sie meint, dass er/sie etwas verpasst. Ich meine, dass er meint, dass wir meinen, dass er wohl meinen täte… Aber es ist in der Tat nicht nur so, dass sie es meinen, dass sie etwas verpassen, sondern sie verpassen tatsächlich etwas.

Wer als Jugendlicher nicht permanent digital präsent ist, läuft Gefahr, ausgestoßen zu werden. Er findet den Zugang nicht mehr zum Leben der anderen. Das kann man jetzt gut finden oder nicht, aber es ist zu einem großen Teil so. Ich erinnere ans Aufkommen der E-Mails. Anfänglich kein Problem, aber als nur noch eine einzige Person im Verein keine E-Mail-Adresse hatte, begann es, dass man ihn vergaß.

Von daher kann die These durchaus lauten: Das Leben ist digital geworden

Mit Fingern auf Jugendliche zeigen, war noch nie der konstruktive Lösungsansatz. Im Grunde läuft’s im Business ähnlich. Wer nicht digital lebt (sprich auf Facebook, Instagram usw. präsent ist), verpasst wichtiges vom Markt zu erfahren. Oder der Markt erfährt nicht, was ich zu bieten habe.

Man stellt fest, dass „digitales Leben“ immer mehr und subtil nicht nur die reale Welt verändert und prägt, sondern sich das reale Leben dem digitalen anpasst und nicht mehr umgekehrt.

Ursprünglich wurden Internet und Facebook so gestaltet, dass es „Leben“ und „Treffen“ aus der Realität möglichst realitätsnah abbildet. Heute wird das reale Leben immer öfter und akzentuierter auf „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ reduziert. Alles muss ständig und überall sofort bewertet werden. Der kompetitive Geist des ständigen Vergleichens, ursprünglich eine Domäne von Instagram und Facebook (Vergleich von Anzahl Followern und sog. Freunden) findet überall statt. Jeder Toilettenbesuch auf dem Flughafen muss gelikt werden bzw. noch kurz (bitte NACH dem Händewaschen) den Smiley-Button gedrückt werden.

Das geschieht schleichend und schweigend selbst bei vermeintlich profanen Dingen wie „Autos“. Die Programmierer von Computerspielen waren darauf bedacht, die abgebildeten Autos den realen möglichst nah zu kommen. Ein Audi TT mit allen Details auf der Playstation war das höchste aller Gefühle. Heute läuft das umgekehrt. Trends im Autodesign werden unterdessen in der virtuellen Welt gesetzt, die reale Industrie hat dafür zu sorgen, dass die realen Autos aussehen, wie der BMW M4 CSL im Spiel.

Wenn wir das Jahr 2017 schreiben, regiert in der USA ein Präsident, der nicht nur dank sozialen Medien die Wahl gewonnen hat. Er regiert zu einem ansehnlichen Teil mit twitter-Posts. Eine Situation, die vor wenigen Monaten noch nicht vorstellbar war: das mächtigste Land wird mit 140 Zeichen-Meldungen durch die Weltgeschichte gelotst.

Es herrscht „digitales“ Leben in einer analogen Welt. Denn welche Krise wo auch immer ihren Deckel zur Verbreitung auf dem globalen Erdenrund öffnet, es wird von höchster Stelle mit 140 Zeichen kommentiert. That’s it. Der Welt gefällt’s, denn sie liebt Häppchen mehr als schwere Kost um Nachzudenken. Das ist digitales Leben, obwohl die Probleme von Hunger bis kriegerische Auseinandersetzungen sehr analog und ja mehr als greifbar wären… aber vielleicht nicht für alle gleich intensiv.

Wie immer soll das nicht wertend in „gut“ oder „schlecht“ gefasst werden. Obwohl der Geist des digitalen Lebens das in „like“ oder „dislike“das eigentlich abverlangen würde. Wir dürfen nicht vergessen, auch das „digitale Leben“ gehört zum „analogen“ sprich „realen“ Leben. Alles, was Realität ist, gilt es anzunehmen und den eigenen, passenden Weg dazu zu beschreiben und beschreiten.

Es macht wohl Sinn, sich bewusst Zeit fürs „analoge“ und Zeit fürs „digitale“ Leben zu nehmen. Sich bewusst werden, welche Welt gerade die ist, wo ich mich aufhalte. Dann ist das alles nicht Stress, sondern durchaus eine Bereicherung. Denn wer hat nicht schon davon geträumt, sich in zwei Welten oder zwei Leben bewegen zu können. Damit zu spielen, damit umzugehen, lässt mehr entdecken, kann durchaus Spaß machen.