Patrick Veenhoff blickt auf ein riesiges Plakat, das über und über mit farbigen Postits beklebt ist. Der 37-jährige Niederländer strahlt. Ein spannender Workshop-Tag mit bunt gemixtem Team liegt hinter ihm. Sein Motto: Wer mit Menschen arbeitet und Spaß hat, dem fliegen die tollen Ideen zu. Genau darum, nämlich die besten Lösungen zu entwickeln, geht es dem Wahlschweizer, der so etwas wie das Airbnb des Lernens bauen will.

Veenhoff kommt 2013 zur Swisscom. Nach einem Jahr im International Consulting erhält er die Aufgabe, das Sales-Team im Consultative Selling von Produkten und Services fit machen. In Zeiten der Digitalisierung verdient der Telko-Riese mit der Telefonie längst nicht mehr so viel Geld wie früher. Gefragt sind neue disruptive Ansätze, die eigene technische Lösungen, Consulting Skills, Projektmanagement, Services sowie Software und IT-Lösungen anderer zu einem einzigartigen Geschäftsmodell bündeln. Für die Vertriebsmitarbeiter bedeutet das ein radikales Umdenken. Veenhoff merkt schnell, dass er hier mit klassischen Trainings nicht weit kommt. Sie dauern viel zu lange. Er holt sich einen erfahrenen Sales Coach für Consultative Selling. Außerdem hilft er den Produktmanagern, ihren Kollegen im Vertrieb die Produkte und Lösungen verständlich und motivierend zu erklären: Versetzt euch in den Kunden hinein, zeigt ihm den Mehrwert für sein Business auf! Alle Inhalte werden in kurzen Webinaren vermittelt und sind mit den verantwortlichen Sales-Managern abgestimmt. So steigern sich die Produkt- und Lösungskenntnisse der Sales-Mannschaft schnell und dauerhaft. Der Erfolg liegt im Hands-on-Vorgehen: schnell, kurz, pragmatisch.

Diese Prinzipien beherzigt Veenhoff auch bei seinem jüngsten Projekt. Für die 5500 Mitarbeiter des Enterprise-Geschäfts baut er die ENT Academy auf. Ihm schwebt dafür ein ähnliches Geschäftsmodell wie das von Airbnb vor. Wie er darauf kommt? Angesichts der digitalen Herausforderung müssen Unternehmen auf eine agile Produktentwicklung setzen, um erfolgreich zu sein. Für die Mitarbeiter heißt das: Sie müssen im gleichen Tempo die benötigten Skills entwickeln. Mit dem klassischen Learning & Development klappt das aus Sicht von Veenhoff nicht. Zu langsam, zu theoretisch, zu wenig innovativ und businessrelevant sei es. Seine Antwort ist ein strukturell anderer Ansatz, der auf Mass User Generated Training Content, Blended Learning und Peer-to-Peer Coaching basiert. Ähnlich wie der innovative Bettenvermittler Airnbnb schafft die Academy einen Marktplatz für Anbieter und Abnehmer. In diesem Fall treffen digitalisierte Trainingsinhalte, die vorwiegend intern produziert werden, auf Mitarbeiter, die Wissen und Methoden suchen. Die Mitarbeiter treten dabei nicht nur als Abnehmer und Lieferanten von Content auf, sondern auch als Scouts für neue Themen.

Dieses neue Geschäftsmodell für Learning & Development sorgt laut Veenhoff zum einen für echte Businessrelevanz und fördert das unternehmerische Denken der zuständigen Mitarbeiter. Wo zuvor die Budgets immer weiter gekürzt wurden, weil zu wenig Mehrwert für das Geschäft erkennbar war, entsteht nun ein Profit Center, das externe Trainingskosten reduzieren hilft und den internen Erfahrungsschatz effektiv ausschöpft. Zum anderen unterstützt der neue Ansatz das notwendige agile Lernen im Unternehmen. Die Mitarbeiterentwicklung kann mit dem Innovationstempo auf Produktebene Schritt halten.

Was hat Veenhoff im Detail vor? Ein Grundprinzip: Kollegen trainieren Kollegen. Vor allem, wenn es um Fach- und Produktinhalte oder das Training von unternehmenseigenen Standards und Prozessen geht. Externe für diese Inhalte fit zu machen, würde viel Zeit erfordern. Eigene Führungskräfte und Kollegen sind schon sattelfest im Thema und haben ein Interesse daran, dass ihre Kollegen sich die jeweiligen Kompetenzen aneignen und anwenden. Ihnen mangelt es jedoch oft an Zeit und dem nötigen didaktischen Know-how. Externe Hilfe ist also nach wie vor notwendig. Und sofern sie kosteneffizienter sind, werden auch externe Inhalte eingebunden. Ebenso nutzt man Synergien mit anderen Abteilungen der Swisscom, zum Beispiel durch Übernahme bestehender Trainingsformate.

Die Swisscom hat einen eigenen Bereich für Human Centered Design mit 150 ausgebildeten Facilitators. Auf diese Ressourcen greift Veenhoffs Team zurück. Den eingangs beschriebenen Workshop führen sein Kollege Alexander Faga, Experte für Design Thinking, und ein externer Learning-Design-Spezialist durch. Weitere Teilnehmer sind: Mitarbeiter aus der Zielgruppe, eine amerikanische Musikerin, Spezialisten für Erklärfilme, zwei Gründer eines Startups für die Nutzung des iPhones als Marketing-, Erklär- und Lerntool sowie das Projektteam der ENT Academy. Im Workshop geht es um die Festlegung von Erfolgskriterien für die unterschiedlichen Lernformate, mit denen die Academy an den Start gehen will. Generell gilt: Was nicht intern gelöst werden kann, wird nicht passieren. Praktisch heißt das: Screencasts, Erklärvideos, Trailer für Produktfeatures, Konzepte für Präsenzworkshops werden komplett von Swisscom-Mitarbeitern für Swisscom-Mitarbeiter produziert. Die Aufgabe der externen Experten besteht darin, ihre Expertise einzubringen, Train-the-Trainer-Angebote zu schaffen und das Team bei der Umsetzung zu begleiten.

Wie geht es weiter in Sachen Disruption? Die Digitalisierung beschleunigt bestehende Trends im Bereich Training und Lernen nochmals. Klassische Präsenztrainings sind auf dem Rückzug. Blended Learning wird zum Standard. Immer häufiger heißt es Online und Mobile First! Google-Chef Sunda Pichai verkündet sogar schon den Paradigmenwechsel von Mobile First auf Artificial Intelligence First – während Augmented Reality und Virtual Reality erst anfangen, das Corporate Learning zu verändern. Patrick Veenhoff ist auch hier auf Höhe der Zeit. Seine erste Virtual Reality-Anwendung zum Thema Sales-Prozess ist bereits in Produktion.