Schönwetterkapitäne gibt es genug!

«Ganz ehrlich, Herr Brandl, so richtig schwer ist das nicht, oder?» Mit diesen Worten hat mich ein Veranstalter vor einigen Monaten anmoderiert. Es ging um eine Veranstaltung mit etwa 300 Führungskräften und er begann mit den üblichen einführenden Worten, Begrüßungen und Lobpreisungen bestimmter Gäste, um dann mit einer Geschichte zu mir überzuleiten. Er erzählte, seine Frau habe ihm vor einiger Zeit einen Flug in einem Flugsimulator geschenkt, bei dem er selbst live einen Airbus A320 fliegen durfte. Er berichtete, nicht wirklich vor Begeisterung sprühend, von diesem Erlebnis und endete mit dem schon eingangs zitierten Satz «So richtig schwer ist das nicht». Und, ganz ehrlich, da hat er recht. Es ist nicht besonders schwer, einen Airbus zu fliegen. Jeder Mensch kann das – unter Idealbedingungen. In unseren Workshops haben wir schon Hunderte Menschen in Flugsimulatoren gesetzt und fast jeder hat es geschafft, das Flugzeug zu landen. Aber eben unter Idealbedingungen. Wenn alles passt, dann ist Fliegen keine Kunst. Und hier liegt schon die erste Parallele zum Business: Jeder Mensch kann ein Team führen oder ein Unternehmen leiten – unter Idealbedingungen. Wenn alles passt, wo ist die Kunst? Wenn die Kunden Sie überrennen, weil Sie der Einzige sind, der ein heiß begehrtes Produkt liefern kann? Wenn potenzielle Mitarbeiter bei Ihnen Schlange stehen, alle perfekt ausgebildet und hoch motiviert – wo ist die Kunst? Unter Idealbedingungen erfolgreich zu sein, darauf müssen wir uns nichts einbilden. Schönwetterkapitäne gibt es genug. Spannend wird das Ganze, wenn die Bedingungen nicht ideal sind. Wenn die Umstände alles andere als positiv sind und die Zeiten stürmisch werden. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen, dann zeigt sich, wer nur blendet und wer wirklich etwas zu leisten vermag.

So wie es ist, wird es nicht bleiben – und Totstellen ist keine Lösung

Doch sind die Zeiten stürmisch? Wir haben nahezu Vollbeschäftigung, der DAX schwingt sich zu immer neuen Rekorden auf – eigentlich ist doch alles perfekt, oder? Tatsächlich gibt es auch heute wahnsinnig viele Menschen, die über die Umstände jammern, die davon reden, dass alles immer schlimmer würde, und die sich die gute alte Zeit wieder herbeisehnen. Ganz ehrlich: Denen ist wahrscheinlich eh nicht mehr zu helfen, denn im Moment zeichnet sich noch etwas ganz anderes ab, die folgenreichste Veränderung seit Erfindung der Dampfmaschine: die Digitalisierung! Ich höre viele jetzt schon stöhnen, und wenn das ginge, würde ich wahrscheinlich auch hören, wie sie mit den Augen rollen: Digitalisierung, das Schlagwort, das momentan jeder gebraucht und das wie ein Gespenst durch die Medien geistert. Inzwischen gibt es mindestens so viele Artikel, die beschreiben, dass die Auswirkungen der Digitalisierung gar nicht so dramatisch sind, dass Menschen immer gebraucht werden usw., wie solche, die das Gegenteil prophezeien. Gefühlt beschreibt die eine Hälfte der Artikel, dass alles gar nicht so schlimm kommt, während die andere Hälfte den Untergang der Menschheit herannahen sieht. Aber egal, ob Sie das, was da kommt, als Bedrohung oder als Chance wahrnehmen – eins ist sicher: Es bleibt nicht, wie es war. Es wird Veränderungen geben, und diese Veränderungen werden Auswirkungen auf unser Leben und auf unsere Welt haben. Und es wird Gewinner und Verlierer dieser Veränderungen geben. Also was tun? Aussitzen? Über Jahrmillionen war Totstellen eine hervorragende Taktik, um mit Bedrohungen umzugehen. Wenn man sich absolut nicht bewegte, hatte man eine gute Chance, nicht vom Säbelzahntiger bemerkt zu werden. Und von genau diesen Urmustern wird unser Verhalten heute noch gesteuert. Es gibt zwar nur noch sehr wenige Säbelzahntiger in deutschen Unternehmen, dafür gibt es aber umso mehr Führungskräfte, die mittels Totstellen Probleme lösen wollen.

Eine schlechte Entscheidung ist besser als keine Entscheidung

Wie aber soll man sich entscheiden in solch unsicheren Zeiten? Das, was da kommt, ist unsicher, die Auswirkungen sind unsicher – ist es dann nicht sicherer, erst einmal gar nichts zu tun und abzuwarten? Nein, denn: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung, und eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung. Dieser Satz klingt erst mal paradox. Warum soll eine falsche Entscheidung die bessere Wahl sein? Sie ist ja falsch. Ganz einfach: Falsche Entscheidungen haben falsche Auswirkungen. Und die bekommen Sie mit! Wenn ich zum Beispiel vor einem Vortrag drei Stücke Buttercremetorte esse – was wird passieren? Vermutlich wird es mich auf der Bühne schier zerreißen. Und das hat dann nichts mit kosmischen Strahlen zu tun. Es passiert etwas, das mir nicht gefällt. Im besten Fall kann ich dann meine Entscheidung rückgängig machen (bei der Buttercremetorte geht das leider nicht), oder ich kann Schadensbegrenzung betreiben. Zumindest kann ich aus meinen Fehlern lernen. Keine Entscheidungen (die natürlich auch Entscheidungen sind) haben auch Auswirkungen. Aber wir kommen gar nicht auf den Gedanken, dass diese Auswirkungen etwas mit unserer unterlassenen Entscheidung zu tun haben – wir haben schließlich nichts gemacht. Und schon fühlen wir uns als Opfer der Umstände.

Es braucht mehr Mut zu «überlebbaren» Fehlern. Wir werden die Zukunft nicht mit den Rezepten der Vergangenheit meistern können. Es gibt schon genug Schönwetterkapitäne, die Ressourcen verschwenden und damit die Zukunft Ihrer Unternehmen und Ihrer Teams verspielen. Da die Zukunft aber unsicher ist, braucht es Mut, um Entscheidungen zu treffen. Mut, weil zwangsläufig nicht jede Entscheidung richtig sein wird. Aber dieser Mut sorgt dafür, dass wir den Veränderungen aktiv begegnen und damit unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.