Ein Tag nach dem Brexit. Boris Johnson sitzt in einem Geländewagen von Sixt. „Auch mal Lust, den Karren in den Dreck zu fahren?“, textet die Agentur Jung von Matt dazu. Die Anzeige erscheint in der Süddeutschen Zeitung und sorgt bei Facebook und Twitter für viel Aufmerksamkeit. Es ist nicht das erste Mal, dass Sixt über Spitzenpolitiker spottet.

Über Spitzenpolitiker zu lachen, verschafft uns Distanz und Erleichterung. Bei Dingen, die wir sinnvoll finden, ist das nicht nötig. Doch längst nicht alles, was da besprochen und umgesetzt wird, erfüllt dieses Kriterium. Und scheinbar hirnrissige Vorschläge und Projekte lassen sich mit einem Lachen viel besser ertragen.

Die öffentliche Aufbereitung dieses Humors hat sich allerdings geändert. Im Fernsehen hatten früher Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt, Volker Pispers oder Mathias Richling die humoristische Deutungshoheit über den Politikbetrieb. Heute wird diese Aufgabe eher von Wochenrückblicken wie der heute-show oder extra 3 übernommen. Auch sie sind bissig, lustig, auf den Punkt, und zwar nicht nur im klassischen TV, sondern mit Zitaten und Clips auch in den sozialen Netzwerken.

Satiresendungen sind härter geworden

Dieter Hildebrandt schaute auf Gesetzentwürfe, auf die Regierung, auf das Gesamtsystem. Volker Pispers entlarvte intelligent politische Fehlentscheidungen. Ihr Humor war als solcher erkennbar, wie René Borbonus so schön formulierte. Der Humor von heute-show und extra 3 ist, anders als bei den Kabarettisten der alten Schule, manchmal deutlich härter formuliert und offenbar nicht immer für jeden als solcher zu begreifen. Schwierig wird es, wenn eine Satiresendung von manchen Menschen für eine Nachrichtensendung gehalten wird. Das passiert leichter, wenn Sätze von Politikern nur für die Pointe aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Da ist zum Beispiel die Forderung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass Pflegekräfte mehr arbeiten müssten. Eigentlich hatte er ja die Beschäftigten kurzfristig zu mehr Arbeit aufgefordert, um dann längerfristig das System entspannen und die Pflege stärken zu können. Und zwar durch mehr Personal und geringere Arbeitsbelastung. Durch die Satiriker aus dem Zusammenhang gerissen, löste der Satz aber Empörung in den Netzwerken aus. Kaum jemand sah sich die komplette Rede von Spahn an. So wird Humor, der nicht als solcher erkannt wird, aber leicht zur Meinungsbildung. Das ist aktuell besonders gefährlich.

Zuversicht und Zufriedenheit haben gerade einen schlechten Stand. An allen Ecken und Enden drängen Rechtspopulisten an die Macht. Der Psychologe Steven Pinker stellt in seinem klugen Buch „Aufklärung“ fest, dass Populismus unter anderem deswegen zunimmt, weil wir wenig Zuversicht in unsere Zukunft haben und den öffentlichen Institutionen nicht vertrauen. Doch wo soll das Vertrauen eigentlich herkommen? Wenn wir – wie es die Satiresendungen manchmal nahelegen – ernsthaft glauben, dass es in der Spitzenpolitik nur noch Idioten gibt, sehen wir uns nach Alternativen um. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und machen damit alles noch viel schlimmer.

Humorstil mit Bedacht wählen

Nicht nur die Texter der Satiresendungen sollten ihren Humorstil mit Bedacht wählen, sondern auch Sie und ich. Die durchschnittlich tolerante, weltoffene Führungskraft macht sich gern über radikale Entwicklungen in der Politik lustig. Wenn ich aber – und verzeihen Sie mir hier bitte mein sprachliches Niveau – angesichts von Angriffen auf Meinungsfreiheit und Grundgesetz aus der rechten Ecke nur rufe „Du sch*** Nazi“, sagt der gemeine Rechtspopulist leider kaum: „Oh, danke Frau Ullmann. Wie nett, dass Sie mir den Spiegel vorhalten.“ Pauschalisierungen mit Pauschalisierungen zu bekämpfen, das wird nicht ausreichen.

Es macht für mich einen entscheidenden Unterschied, ob man eine politische Entscheidung auf die Schippe nimmt oder einen Politiker als Gesamtperson beschämt. Sie erinnern sich noch an die Werbeanzeige mit Boris Johnson?

Vor einigen Jahren saß ich mit dem damaligen Chefredakteur der Wirtschaftswoche und einem FDP-Politiker in einer Podiumsdiskussion. Der Journalist beklagte, dass manche Spitzenpolitiker sich überhaupt nicht mehr für ein Interview öffneten. Er nannte als Beispiel Guido Westerwelle, der aus meiner Sicht durchaus ein selbstironischer und humorvoller Mensch war. Aber wenn ein Großteil des öffentlichen Humors über einen Spitzenpolitiker beschämend ist und dessen Homosexualität betrifft, dann brauchen sich Journalisten nicht zu wundern, dass dieser Politiker Interviews verweigert. All die Sprüche der Gagschreiber, der Werbetexter, von jedem Einzelnen von uns, sie haben eine gesamtgesellschaftliche Wirkung.

Wir benötigen dringend zuversichtlichen Humor

Viele Politiker sind hart im Nehmen. Das ist Teil ihres Jobs. Aber irgendwann ist es auch ihnen zu viel. Wir können und müssen also auch von Leistungen und Erfolgen sprechen. Sonst bleibt irgendwann niemand Integres mehr übrig, der dort arbeiten möchte.

Humor kann Menschen aufwerten, wertschätzen und stärken. Er kann jedoch auch Status reduzieren, kleinhalten und beschämen. Natürlich muss Spitzenpolitik kritisiert und unter die Lupe genommen werden. Aktuell benötigt die Spitzenpolitik jedoch auch immer wieder einmal Zuversicht und Anerkennung.

Ulrich Schnabel beschreibt in seinem Buch „Zuversicht“ den Begriff in seiner Ursprungsbedeutung als „Sicht auf die Zukunft“. Die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten dürfen. Und damit kommt wieder der Humor ins Spiel. Mit seiner Fähigkeit, ebenfalls die Perspektive wechseln zu dürfen. Wir benötigen dringend zuversichtlichen Humor. Der darf auch Mut machen, Menschen wertschätzen, die Arbeit von Spitzenpolitikern anerkennen. Dann verkraftet das System auch manches Beispiel von beschämendem Humor. Wie die Anzeige der Autovermietung.