«Das richtige Gespräch zwischen Arzt und Patient kann nahezu alles bewegen – und ohne das richtige Gespräch bewegt sich sehr wenig!»

Auch die beste Digitalisierung ersetzt nie das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient, zwischen Chefarzt und seinem Assistenzarzt. Hier eine leidenschaftliche Brandrede zum Wert des persönlichen Gesprächs – speziell auch in der digitalisierten Medizinwelt.

Trotz regelmäßigen und gut gemeinten Sparübungen – die Kosten im Gesundheitswesen explodieren! Sicher bietet hier u.a. die Digitalisierung Einsparmöglichkeiten mit allen Vor- und Nachteilen. So wird zum Beispiel der gläserne Patient immer noch sehr kontrovers diskutiert. Diese vermehrte Transparenz hat auch im Patientengespräch nicht nur Vorteile. Diese Vielfalt von Daten könnten zur Meinung führen, dass das persönliche Gespräch reduziert oder sogar ersetzt werden kann. Das wäre ein großer Trugschluss.

Persönliche Kommunikation bleibt der Knackpunkt – gerade in einer Zeit, wo wir immer weniger Zeitressourcen haben. Das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) stellte in einer Meta-Studie (Zusammenfassung aus 30 Untersuchenden aus den Jahren 2012-2016) erneut fest, dass eine der wichtigsten Hauptaufgaben für Führungskräfte (trotz der Digitalisierung) die Kommunikation – und hier meine ich auch das persönliche Gespräch – ist und bleibt. Klinikbetriebe, Gruppen- und Einzelpraxen sind gefordert. Neben der Fachkompetenz ist die Kommunikationsfähigkeit somit ins Zentrum gerückt. Selbst begnadete Diagnostiker kommen nicht um das Gespräch herum. Kommunikation in der Erhebung der Anamnese (Krankengeschichte) – wie auch in der späteren Phase, wenn es um die Patienten-Therapie-Gespräche geht – sind tägliche Herausforderungen für das gesamte medizinische Personal – speziell für den behandelnden Arzt.

Spannend ist, dass über 80% der Kinderärzte in Deutschland noch nie an einem Training für professionelle ärztliche Gesprächsführung teilgenommen haben. Gleichzeitig sind 90% der Ärzte der Ansicht, dass solche Weiterbildungen für ihren Beruf wichtig wären.¹ Wenn man sich vor Augen führt, das bereits nach 22 Sekunden Redezeit eines Patienten, er von seinem Arzt unterbrochen wird – mit dem vermeintlichen Ziel Zeit zu sparen!² – sieht man, wie die Realität aussieht. Kommt noch dazu, dass man heute weiß, dass fast 80% der Patienten – bei unbegrenzter Redezeit – innerhalb von nur 2 Minuten ihr Anliegen vorbringen – wenn man sie sprechen lässt (und zuhört)!² Was mich besonders beeindruckt ist die Aussage in diesem Zusammenhang: «Gute (nicht lange) Patienten-Gespräche können die Krankheitsdauer bis 30% verkürzen!³

Welches Potential wird hier nicht genutzt! Können Sie sich vorstellen, dass auch im nicht medizinischem Kontext – bei ganz normalen Mitarbeitergesprächen – viele Chancen vertan werden, indem keine professionellen Gespräche mehr stattfinden. Die Digitalisierung wird nie das persönliche Gespräch ersetzen können. Auch Wertschätzung, was ja oft ein Kündigungsgrund ist wenn sie fehlt, wird in einem persönlichen Gespräch wesentlich stärker wahrgenommen.

Kommen wir nochmals zurück in den medizinischen Alltag. Stellen Sie sich vor, eine terminale Diagnose wird dem noch hoffenden, verunsicherten Patienten in knappen Worten ohne erkennbare Anteilnahme mitgeteilt. Das Gespräch ist ein Monolog, nur der Arzt informiert. Der Patient macht große Augen – kommt gar nicht zu Wort. Und das, obwohl er gerade jetzt viele Fragen hat! Jetzt nimmt die digitale Maschinerie der pflegerischen und medikamentösen Möglichkeiten volle Fahrt auf. Was würde wohl nur ein wenig menschliche Zuwendung, Beistand, Empathie für den Patienten bedeuten? Hier ist das medizinische Personal gefordert in der Verantwortung. Es wird in naher Zukunft keine App geben, die diese Aufgabe gleichwertig übernehmen kann.

Trotz dem analogen Leben, das sich rasant entwickelt – auch in der Medizin und im Umgang mit dem Patienten-Coaching, werden sich nicht-analoge Werte behaupten: Das persönliche Gespräch, Teamfähigkeit, Empathie-Stärke, Respekt und Verlässlichkeit.

Wenn Ihnen die medizinische Welt nicht so vertraut ist – nehmen Sie diesen Gedankenanstoß für Ihre Arbeit in einem geschäftlichen Umfeld mit. Oder sogar an Stelle von einer WhatsApp Messenger Mitteilung im privaten Umfeld – überraschen Sie Ihre Lieben mit einem tollen Geschenk und geben Sie dem persönlichen Gespräch wieder eine Chance.

Viel Spaß für Ihr nächstes, bewusstes Face-to-Face Gespräch in der digitalen Welt – im privaten wie auch im geschäftlichen Umfeld.

 

¹ Untersuchung bei über 300 Kinder- und Jugendärzte, Wolfgang Kölfen, Chefarzt der Städtischen Kinderklinik Mönchengladbach
² Untersuchung Internistischen Poliklinik der Universität Basel
³ British Medical Journal, über 700 Patienten, die wegen «Kratzen im Hals» den Arzt aufsuchten