Ja, ich bin Nutzniesser der digitalen Transformation. Privat, als Investor, als Unternehmer und als Berater. Und daher sehe ich die dünne Linie zwischen grossartigen Einsatzmöglichkeiten von selbstlernenden Systemen künstlicher Intelligenz und dystopischen Szenarien einer algorithmusbestimmten Effizienzmaschinerie, in der der Mensch zum «Fuzzy Factor» wird. Zum «unscharfen Faktor», der möglichst genau ausgelotet und determiniert werden muss. Gerade in Unternehmen. Damit er möglichst automatisiert «geführt» werden kann.

KI-Ratingsysteme: Wenn Algorithmen über Menschen entscheiden

Beispiel Bridgewater Associates: Bei Bridgewater Associates wird nun – wie die Presse ausführlich berichtet – jeder Mitarbeiter gezwungen, eine App namens Dots zu installieren. Sie enthält die Profile aller Mitarbeiter, die nach 100 Kategorien bewertet werden können. Dabei geht es nicht um die Förderung einer Feedback-Kultur im Unternehmen, und schon gar nicht um individuelle Kompetenzentwicklung oder Unterstützung des Mitarbeiters, sondern im Wesentlichen darum, dass sich alle Mitarbeiter ständig kritisch bewerten. Was sie auch in grossem Umfang tun. Daraus werden öffentliche Ratings und Rankings erstellt: Der eine steht oben, die andere rutscht in der Performance ab, und der da wird gefeuert. Beispiel JPMorgan: Mit einem neuen Tool erhalten und senden die 243’000 Mitarbeiter ständig Feedback und Kritik, die Informationen werden mit dem Vergütungssystem verknüpft – das totale Mitarbeiter-Rating.

Das sind nur Schritte auf dem Weg zu totaler Kontrolle und automatisierter Führung. Bridgewater hat mit seinem Systematized Intelligence Lab schon vor längerer Zeit verkündet, unter dem Namen PriOS ein System künstlicher Intelligenz aufzubauen, das Personalentscheidungen und alltägliche Management-Aufgaben gleich ganz allein übernimmt. PriOS soll dabei von den Entscheidungsstrukturen des Gründers Ray Dalio sowie seiner Topmanager lernen, um das Unternehmen auch später in deren «Principle-Style» zu führen. Inzwischen haben mehrere andere Firmen damit begonnen, Artificial-Intelligence-Systeme aufzubauen, die Personalentscheidungen treffen und Aufgaben des Managements übernehmen können. Automatisiertes, KI-unterstütztes «Decision-Making» gilt schon länger als ökonomisch interessantes Anwendungsfeld der künstlichen Intelligenz. Algorithmen werten alle verfügbaren Daten aus, analysieren Risiken und Szenarien und geben Vorgehensweisen vor. An manchen Vorstandstischen sitzt bereits ein «Artificial Manager», der nach Datenmodellen entscheidet.

Ich fasse es mal zugespitzt zusammen: Wenn der Algorithmus über den Menschen herrscht, werden Mitarbeiter wirklich nur noch zu ersetzbarsten Rädchen im Getriebe, und irgendwann werden sie nur noch «Fehler im Code» sein, nur noch Kostenfaktoren.

Vom Robot-Recruiting zum Robot-Management

Hier geht es um das schleichend eingeführte Supremat «digitaler Intelligenz» in Unternehmen, das unkritisch und von der allgemeinen Führungslehre noch weitestgehend unbeachtet Menschen immer stärker unter das Verdikt von Algorithmen stellt. Das beginnt mit dem einfachen, durchaus nützlichen Einsatz von Chat-Bots, Job-Bots, Matching-Software und Robot-Recruiting. In Deutschland noch kaum ein Thema: Nur rund 3 Prozent der Top-1000-Firmen nutzen Algorithmen bei der Auswahl geeigneter Kandidaten, 10 Prozent setzen Recruiting-Bots ein. In den USA ist Robot-Recruiting laut Schätzungen in 95 Prozent der Firmen auf dem Vormarsch. Ist ja auch effizient! Es trichtert den Mensch jedoch von Anfang an schon als reine Datenmasse ins «Mining» ein. Und genau an dieser Stelle müssen wir neu nachdenken! Dass Algorithmen in der Folge unvoreingenommener über diese Datenmasse entscheiden können als Menschen, ist unstreitig. Sie sind auch effizienter. Billiger. Technisch «können» sie Management 4.0. Wo ziehen wir künftig die Grenze? Diese Entscheidung ist jetzt unsere Aufgabe!

Vom Personal Rating zum Social Rating

Ja, bei uns gibt’s ja noch den Betriebsrat und Datenschutz-Verordnungen, und wir stehen beim Einsatz solcher Systeme noch am Anfang. Aber der Weg vom Personal Rating zum Social Rating wird schon geebnet. In China wird gerade in vielen Provinzen und Städten ein System absoluter sozialer Kontrolle – inklusive Bonus- und Malus-Verpunktung und Sanktionen – aufgebaut, das die von den Internetriesen Alibaba und Tencent gesammelten (personalisierten) Daten mit denen der digitalisierten Lokalverwaltungen, Ministerien und Unternehmen zusammenbringt. Wer sich in der Firma nicht schickt, dem werden Strafpunkte von seinem 1000-Punkte-Konto abgezogen – und nur dieses Konto berechtigt zum Bezug öffentlicher Leistungen oder Kredite. Na, da wird doch der Fleissigste gleich noch viel fleissiger. Und der Mensch noch mehr zum Produktionsmittel.

Keine Neophobie – aber ein Diskurs

Solche Wohlverhaltens-Überwachungs-Algorithmen wirken furchtbar. Man muss aber einräumen, dass bisher auch die Europäer und insbesondere die Deutschem keineswegs dagegen gefeit waren … Wir brauchen daher jetzt keine Neophobie – aber eine offene Diskussion unter Aspekten der unternehmerischen Ethik. Wir müssen endlich hinterfragen, wie wir künftig mit unseren Mitarbeitern umgehen und was wir alles «dem Algorithmus» opfern wollen!