Als die Verhandlung beginnt, habe ich kein gutes Gefühl. Ich sitze in der vorletzten Reihe, schaue abwechselnd auf Khairola, auf die Anwältin und auf den Richter, und werde den Gedanken einfach nicht los, dass dieser Vorstoß, die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, aussichtslos ist.

Khairola ist ein 23-jähriger Afghane. Seine Familie wurde vor 20 Jahren von den Taliban erschossen, und er war 16 Jahre auf der Flucht. Über den Iran, die Türkei und Italien kam er 2011 nach Deutschland. Genauer gesagt nach Schorndorf, wo mein Vater wohnt und wo auch ich ihn kennengelernt habe. Hier lebte Khairola in einem Flüchtlingscamp und machte alle Etappen eines Asylbewerbungsverfahrens durch. Inzwischen spricht er hervorragend Deutsch, hat seinen Hauptschulabschluss gemacht, die Präventionskurse absolviert, ist im Figurentheater des Ortes engagiert, hat einen Integrationspreis gewonnen, und fängt gerade eine Lehre bei BMW als Automechaniker an. Alles im dunkelgrünen Bereich also. Ein Musterintegrierter. Das einzige Problem: sein Aufenthaltsstatus. Mit seiner „Gestattung“ darf er nur eingeschränkt arbeiten und kann jederzeit abgeschoben werden. Und genau das ist der Anlass für die Verhandlung: für Khairola die uneingeschränkte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, damit er in Deutschland bleiben und arbeiten kann. Mein Vater gibt Khairola Sprachunterricht, und weil er ihn heute nicht begleiten kann, bin ich eingesprungen.

30 Minuten vor Beginn der Verhandlung komme ich beim Stuttgarter Verwaltungsgericht an. Da warten schon Khairola, ein Sprachhelfer und die Leiterin des Figurentheaters, die sich bereit erklärt hat, als Führsprecherin aufzutreten und zu bestätigen, wie wertvoll Khairola für die Gruppe ist. Die einzige Person, die fehlt, ist diejenige, die für den Prozess der Vorbereitung und der Klientenberatung verantwortlich ist: die Anwältin.

Ich versuche, mir die Unruhe nicht anmerken zu lassen und Khairola mit einem Gespräch über seine Erfolge etwas aufzubauen. Fünf Minuten vor Beginn der Verhandlung hastet die Anwältin herein. Sie legt ab, drückt uns hektisch die Hand, und sagt der Theaterleiterin:

„Alles Gute, was Sie über ihn sagen möchten, können Sie vergessen. Dem Richter geht es nur um die Antwort auf eine Frage: Ist der Mandant in Afghanistan in Lebensgefahr? Ja oder nein?“
Die Luft ist auf einmal zum Schneiden dick. Denn das Argument, dass jeder Afghane in Gefahr ist, gilt für den Richter wohl nicht. Wir müssten eine personenbezogene Lebensgefahr nachweisen. Und das in vier verbleibenden Minuten.

„Gibt es eine Geschichte, die du erzählen kannst? Eine gefährliche Episode? Etwas, was dir widerfahren ist?“, drängt sie Khairola. Khairola schaut sie mit großen Augen an. Die Anwältin macht weiter: „Warst du denn in den letzten Jahren in Afghanistan?“ „Ja, ich war letztes Jahr zwei Wochen da.“ „Und? Ist in dieser Zeit etwas Schlimmes passiert?“ Khairola überlegt kurz. Dann sagt er: „Nein.“

In diesem Moment geht die Tür zum Gerichtssaal auf und wir werden hineingewinkt. Ich denke: ‚So grottenschlecht vorbereitet würde ich keinen meiner Klienten in eine Verhandlung schicken. Und da geht es nur um ein bisschen mehr oder weniger Geld beim Einkauf von Dienstleistungen oder Waren. Aber hier… hier geht es um ein Menschenleben!‘

„Wenn die mich zurückschicken, bin ich in zwei Wochen tot, Frieder. Ich bin in den 14 Tagen zu Hause keinen Schritt vor die Tür gegangen, sonst hätten die mich sofort erschossen“, flüstert mir Khairola angstvoll zu, bevor er Platz nimmt. Der Gerichtsdiener verweist mich nach hinten in die Zuschauerreihen. Ich suche mir einen Platz. Setze mich. In meinem Bauch eine Mischung aus Frust, Sorge und einem starken Gefühl der Ungerechtigkeit.

Ich bin Verhandlungsexperte. Meine Kunden kommen aus allen möglichen Branchen. Wir schulen und coachen 16 der aktuellen Dax-30-Unternehmen. Wenn meine Coaches oder ich zum Kunden kommen, geht es immer um schwierige Verhandlungen und um viel Geld. Und wir helfen unseren Kunden in diesen Verhandlungen ihre Ziele zu erreichen.

Ich sitze immer noch in der vorletzten Reihe des Sitzungssaals im Stuttgarter Oberlandesgericht. Es sieht nicht gut aus für Khairola. Für den Richter ist es völlig irrelevant, dass er so gut Deutsch spricht und perfekt integriert ist. Im Gegenteil, er wertet das als Nachteil, denn umso schwieriger wird es, Khairola später doch noch einmal auszuweisen, wenn seine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert werden sollte. Mehr als einmal war ich schon in Versuchung, nach vorne zu gehen und die Verhandlungsführung für Khairola zu übernehmen. Das geht natürlich nicht, aber es fällt mir schwer, sitzen zu bleiben. Die Anwältin erledigt ihren Job routiniert. Beinahe nach Schema F. Ohne große Verhandlungskreativität. Dabei wäre es nicht schwer, das Ding zu drehen und dem Richter vor Augen zu führen, wie lebensgefährlich eine Rückkehr nach Afghanistan für Khairola wäre. Man müsste Khairola nur die richtige Frage stellen – und der Richter hätte in einem Satz alles, was er braucht, um eine Aufenthaltserlaubnis aussprechen.

In jeder noch so trivialen geschäftlichen Verhandlung wird professioneller verhandelt als hier vor Gericht. Dabei geht es um ein Menschenleben! Khairola müsste nur verhandeln können, dann wäre er gerettet!

Ich kenne die Regeln, die Tricks, die Fallen und die Hindernisse. Mein Leben lang habe ich mein Wissen für meinen geschäftlichen und persönlichen Erfolg eingesetzt, erst als Einkäufer für Porsche und nun als Business-Trainer und -Coach. Inzwischen glaube ich aber, es gibt noch ganz andere Menschen, die mein Know-How benötigen. In diesem Moment weiß ich, was ich zu tun habe: Ich werde einen Verein gründen, der Flüchtlingen bei den Verhandlungen professionell hilft. Nicht mit Paragraphenreiterei, sondern mit Verhandlungs-Know-how. Ich werde sowohl mein Wissen und mein Engagement sowie zeitliche Kapazitäten meiner Trainer dafür zur Verfügung stellen.

Inzwischen gibt es den Verein „Verhandlungen des Lebens e.V.“ und wir unterstützen Flüchtlinge bei ihren Verhandlungen vor dem Verwaltungsgericht. Und das aus Flüchtlingen Bürger werden. Bürger, die die deutsche Kultur achten und aber auch bereichern. Die auch Steuern bezahlen, damit die Rente auch noch in 20 Jahren „sicher“ ist. Sie werden ihre eigene Kultur wandeln. Sie werden aber auch die deutsche Kultur wandeln.

So wie Khairola, der inzwischen im BMW-Autohaus seine Lehre angefangen hat. Und an Weihnachten bei meinen Eltern zum Dank afghanische Gerichte gekocht hat. Und mir aus dem Wohnzimmer meiner Eltern per Skype ein lachendes „Frohe Weihnachten“ gewünscht hat – und das als Moslem.