Der Entenmotor singt spröde als wir in die Innenstadt von Algier rattern. Die weißen Häuser des Encien Régime, noch geprägt vom Kolonialismus Frankreichs, sind längst nicht mehr weiß und strahlen eine zeitlose Armut aus. Ein bisschen wie Cuba, denke ich. Wir sprechen hier vom Sommer 1989 als mein Studienfreund Matthias F. und ich mit einer zum „Wohnmobil“ umgebauten Ente das Mittelmeer umrunden. Wir haben bereits Frankreich, Spanien, Gibraltar, Marokko, den Atlas und das Licht von Tipaza hinter uns gelassen. Nun stehen wir in der Hauptstadt Algeriens mitten im politischen Frühling.

Naivität, Entdeckergeist und radikale Einfachheit sind unsere Begleiter. Eine studentische Tour d‘ Europe. Übernachtung im Citroen 2 CV. Direkter Kontakt mit den Menschen der Straße. Für drei Monate abgeschieden von westlicher Presse und von jeglichem Komfort. Argwöhnische, teils neugierige, in jeden Fall verwunderte Blicke folgen uns. Ein Fahrzeug aus Stuttgart mitten im Maghreb Ende der achtziger Jahre, eine Erscheinung wie von einem anderen Stern. Die Idee dahinter: echte Begegnung und Erkunden anderer Kultur. Entschleunigung und Erfahrung in Zeiten, als noch kein Smartphone die Erlebniswerte kartographiert hat. Expedition Islam. Einmal angekommen durchstreifen wir die Stadt und kommen durch Zufall – oder war es kein Zufall? – mit der Bewegung „Mouvement de la Liberation de la Presse d‘ Algérie“ in Kontakt. Wir begegnen Fatma, einer jungen, selbsternannten Untergrundjournalistin, einer Kämpferin des Wortes. Sie und ihre Gleichgesinnten produzieren mit einfachsten technischen Mitteln kleine Kampfschriften, Flugblätter und Pamphlete, in denen sie für Pressefreiheit und für die Entkopplung von Staat und Religion, für die Aufdeckung von Korruption, für mehr Gerechtigkeit gesellschaftlicher Werte einstehen. Der Ton ist gedämpft. Die Stimmen gesenkt. Die Blicke vorsichtig, die Treffen konspirativ. Die Organisationsstruktur ist kleinzellig. Der Matrizendrucker ihre wichtigste Waffe. Der Status unsicher und familiär, ständiger Begleiter: die Angst im Nacken. Es ist ein kurzer, zaghafter Frühling. Ein Frühblüher, der Frost abbekommt. Die Kirschblüte, die eingeht. Die Hoffnungen und die glühenden Augen werden wir nie vergessen. Schon wenige Wochen nach diesen Begegnungen werden die kleinen Pflänzchen brachial niedergetrampelt. Die herrschende Meinung wird wieder die bestimmende. Wer für Meinungsfreiheit einsteht ist gefährdet. Rädelsführer werden verhaftet, verschleppt, mundtot gemacht. In diesen Tagen ist in mir der Wunsch geboren, Politik mit Schwerpunkt Islamismus zu studieren. Kein geringerer als Bassam Tibi, der Gelehrte des Islamismus, wurde zur studienprägenden Persönlichkeit.

Unser weiterer Weg brachte uns nach Tunis, dort erfuhr ich – abgekoppelt von allen Nachrichten – dass Hans Dietrich Genscher in der Prager Botschaft dem ersten Schwung von Flüchtlingen aus der DDR nach Westdeutschland den Weg geebnet hat. Unter den Flüchtlingen mit dabei eine Freundin aus Erfurt, die ich zuletzt in Ostberlin getroffen hatte. Politische Umbrüche. Weltpolitik zum Anfassen.

Heute, 26 Jahre später, gibt es wieder zarte Pflänzchen politischen Frühlings in der Maghreb, diesmal in Tunesien. Nadia Khiari, politisch motivierte Journalistin und Zeichnerin von Cartoons, hat den Comic-Kater Willis erfunden. ​​Kunst als eine Form der Therapie. So entstanden auch die Zeichnungen von Nadia Khiari. Am Vorabend des 14. Januar, als Ben Ali seine letzte Fernsehansprache hielt und ganz Tunesien wegen der Ausgangssperre zu Hause saß, begann sie, kleine Karikaturen zu zeichnen – ein Kater, der die aktuellen Ereignisse kommentiert. Dieses Maskottchen der Revolution ist das Sprachrohr einer Journaille in Tunesien, die die fundamentalistische Ennahda-Partei mit zurück gedrängt hat, eine gesellschaftliche Bewegung, die sich wehrt gegen die Gleichschaltung und Dominanz der Salafisten und der herrschenden Clique. Mutig, unerschrocken und vor allem mit viel Humor weist Kater Willis auf alle Missstände hin, mit viel Bild-Witz und unverblümter Deutlichkeit. So wird seine Figur ein Sinnbild für einen gesellschaftlichen Aufbruch und für die Hoffnung auf den dritten Weg der Menschenrechte, zwischen Islamisten und ewig gestrigen korrupten Traditionalisten einen neuen, klareren, einen gesellschaftskonformen, modernen Weg zu finden. Viele Parallelen finden sich heute zum politischen Aufbruch von 1989 mit der Identifikationsfigur Kater Willis. Eine neue Ära der Partizipation wird ausgeläutet.

Krasser noch und unmissverständlicher wird die Kraft der Pressefreiheit sichtbar am Beispiel von Charlie Hebdo, mit der alle Erwartungen übersteigenden Solidarität ist ein neues revolutionäres Zeichen gesetzt. Die Abstimmung mit den Füßen hat Millionen auf die Straße gebracht. Unter dem Hashtag #JeSuisCharlie („Ich bin Charlie“) äußerten mehre Hundertausende Menschen ihre Solidarität mit der hingerichteten Redaktion und ihren Werten. Ein Schulterschluss ohne Gleichen. Verbindungen über Gräben hinweg für die eine Sache der Meinungsfreiheit. Menschen mit Zivilcourage heben den Bleistift in den Himmel für ihre Grundüberzeugung.

Dieser Artikel hier ist eingebettet in einer Jahres Festschrift zum Thema Marketing und Vertrieb. Der/die geschätzte Leser/in könnte sich nun fragen, was haben Zivilcourage, politischer Frühling und Aufstand für Menschenrechte mit Marketing/Vertrieb zu tun?

Wie bereits Bassam Tibi in seinem Buch „Krieg der Zivilisationen“ 1995 festgestellt hat, gibt es einen sogenannten Clash of Zivilizations. Die Werte politisch motivierter Fundamentalisten islamischer Prägung kollidieren mit Werten des Abendlandes, – wie Meinungsfreiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit und Selbstbestimmung. Heute wie damals genügt es nicht, sich als Homo Oekonomikus allein wirtschaftlichen Zusammenhängen zuzuwenden. Jeder Mensch, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, jeder Sprecher, jeder Geschäftsführer, jeder Verbandsleiter, jede Leiterin einer Nonprofit-Organisation, jeder Beamte, jede Personalentwicklerin,  jede Diversity Beauftragte, jeder Vertriebs- und Marketingleiter bewegt sich in einem öffentlichen Kontext und nimmt Stellung. Lange Zeit dachten wir, es würde ausreichen, sich rein als Experte seines Gebietes zu präsentieren und zu agieren. Heute stellen wir fest, im Angesicht der Mobilisierung von gesellschaftlichen Kräften, dass wir nicht nicht politisch agieren können. „Schon Schweigen ist Betrug“ singt Konstantin Wecker. Mit anderen Worten, neben der Kernbotschaft, die wir aus unserem jeweiligen Fach heraus präsentieren und verfolgen gibt es immer eine ebenso wichtige Nebenbotschaft, eine mitlaufende Stellungnahme, einen Ich-Standpunkt, der gleichzeitig ein gesellschaftlicher Wir-Standpunkt wird.

Bassam Tibi führt bereits 1995 aus, dass fundamentalistische Islamisten eine immer diffizilere, kleinzelligere und unkontrollierbarere Terrorstrategie einschlagen werden. Nicht mehr die großen Attentate wie später 9/11 dominieren, sondern kleine Nadelstiche wie das Massaker an der Redaktion von Charlie Hebdo sind die neuen Fanale terroristischer Zellen. Seither gibt es eine neue Kultur. Die Kultur des Hinschauens. In abendfüllenden Diskussionsrunden werden Pro und Contra von religiös geprägtem Fanatismus und von politischen Grundhaltungen diskutiert. Die sich gerade zersplitternde sogenannte Pegida-Bewegung ist das beste Beispiel für eine dumpfe, unreflektierte, „Wir-sind-das-Volk“-Ideologie, Resultate einer nicht aufgearbeiteten Integrationspolitik. Das Credo dieses Artikels ist es, dass wir nie nicht politisch agieren und sein können. Der Mut, das Umdenken in Unsicherheit, die Bereitschaft sich auseinanderzusetzen, wie es Charlie Hebdo vorgelebt hat, wird zum Programm. Jeder ist zuständig. Wegsehen ist keine Option. Failure is not an option.

Diese Veränderung durch den gehobenen Bleistift wird zu einer nachhaltigen Veränderung unserer Kommunikationskultur führen. Die Krise des Westens nährt jetzt die Hoffnung der islamistischen Fundamentalisten, die bestehende säkulare Ordnung der Welt könnte durch islamistische Herrschaftsformen abgelöst werden. Die Vision hierfür hatte bereits Sayyid Qutb, der intellektuelle Vater des zeitgenössischen islamistischen Fundamentalismus verkündet: die Führung der Menschheit durch den Westen ist an ihrem Ende, nur der Islam – und allein er – bietet die notwendigen normative Basis für die Übernahme der Führung [Bassam Tibi: Krieg der Zivilisationen – Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus, 1995]. Somit bewegen wir uns 14 Jahre nach den Anschlägen von 9/11, wenige Wochen nach dem Vernichtungsanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in eine neue Ära politischer Partizipation, des aufgeklärten Mitdenkens, der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Werten, Wertesystemen und Glaubensansätzen. Die Ideen einer politikfreien gesellschaftlichen Neutralität wird obsolet. Die Befassung mit den ideologischen Gefährdungen unserer Werte-Errungenschaften wird zum Pflichtfach. Minister de Maizière beteuert, dass die Regierung alles unternimmt zur Sicherung der Bevölkerung vor terroristischen Anschlägen, dass es aber keine Garantien gibt zum Ausschluss von Anschlägen in Deutschland. Die Insel der Sicherheit existiert nicht mehr.

Damit wird die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Gefährdungspotenzial zu einer wichtigen zivilgesellschaftlichen Aufgabe. Der Homo Politikus erfährt eine überraschende Renaissance. Verstehen, sich zusammen einsetzen und den Ideen der Aufklärung eine Plattform bieten wird zur generationenübergreifenden Aufgabe. Im Wettstreit der Meinungen braucht Vernunft eine eigene Lobby. Die Krieger des Special Air Service (SAS) haben bei ihren Einsätzen gegen die IS Kämpfer das Motto „Who dares, wins“ (wer wagt, gewinnt), sie werden zur gezielten Tötung von IS Söldnern eingesetzt, die zum Beispiel versuchen, den Staudamm bei Mosul in ihre Gewalt zu bringen um ihn dann zu sprengen und mit Milliarden Kubikmetern Wasser tausende Todesopfer in Mosul zu erreichen. Die Mittel der SAS werden nicht von allen geteilt, ihr Slogan fungiert aber als Vorbild. Es geht um nichts weniger als um eine neue Definition von Zivilcourage. Jede Fachfunktion, jedes Spezialistentum, jeder öffentliche Auftritt, jede Stellungnahme wird in Zukunft immer auch in Verbindung zu bringen sein mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Zivilcourage ist der Überlebensmotor unserer gesellschaftlichen Grundwerte. Weggucken war gestern. Hingucken heißt das Morgen wählen. Oder kurz: auch Demokratie braucht Vermarktung.

Die junge algerische, selbsternannte Journalistin Fatma haben wir aus den Augen verloren, ihre Haltung haben wir nie vergessen. So schreibt Le Monde auf ihrer Homepage: „Es ist heute mehr denn je unverzichtbar daran zu erinnern, dass Pressefreiheit nicht verhandelbar ist.“