Was lehrt uns Corona über uns selbst und wie wir in einer Gemeinschaft funktionieren?

Wenn wir es richtig anstellen, wird diese Corona-Krise ein wunderbares Lehrstück darüber, wie wir Unternehmen und Gesellschaften organisieren müssen.

Als er da war, waren viele Menschen unvorbereitet: Lockdown! Alles dicht. Was bedeutet das? Kann ich weiterarbeiten? Wird mein Unternehmen weiter beliefert? Habe ich genug Klopapier? Darf ich reisen? Hatten die ganzen Prepper, die im Garten einen eigenen Bunker ausgehoben hatten, doch die ganze Zeit recht?

Die Tatsache, dass diese Fragen zunächst unbeantwortet blieben, hat Stress ausgelöst. Stress ist definiert als gefühlter oder tatsächlicher Kontrollverlust. Corona hat uns deutlich gezeigt, wie wenig Kontrolle wir über manche Umstände haben. Stress führt zu vier (!) typischen Stressreaktion, die Menschen weltweit zeigen. Die am häufigsten zitierten Reaktionen sind Fight (Angriff) und Flight (Flucht). Hinzu kommt das seltener erwähnte Freeze (Erstarren), bei dem wir uns tot stellen – wir alle kennen den Blackout. Zu guter Letzt und am wenigsten bekannt: Flock (Zusammenrotten), das Schutzsuchen in einer Gruppe.

Seit Ausbruch der Krise können wir aufseiten von Politik, Medien und Bürgern genau diese Reaktionen beobachten. Die einen wollen mit Bazookas gegen die wirtschaftlichen Folgen kämpfen. Andere suchen die Schuld bei den Chinesen oder Bill Gates. Wieder andere wollen durch die hoffnungsvolle Grundannahme, dass es Corona vielleicht gar nicht gibt, aus dem Problem flüchten. Die nächsten erstarren und warten einfach nur phlegmatisch ab. Und wir erleben auch die, die sich zusammenrotten und in ihrem sozialen Umfeld nach Unterstützung oder auch nur nach Bestätigung für ihre Ansichten suchen.

Gegen eine gute und ausgedehnte Stressreaktion ist grundsätzlich gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Demjenigen, der sie rauslässt, geht es danach meistens deutlich besser. Der Politiker, der sich einredet, mit einer von Kriegsmetaphorik geprägten Pressekonferenz einen tollen Auftritt hingelegt zu haben, und der wahrscheinlich wirklich überzeugt ist, dass die vom deutschen Finanzminister Olaf Scholz angekündigte Bazooka funktionieren und helfen kann, der fühlt sich als kraftvoller Akteur. Der Selbstständige hört diese Rede und ist beruhigt, dass die Politik sich als starke Führungselite zeigt und etwas für ihn tut. Nun braucht er nur noch zu warten, bis die Bazooka einschlägt. Er selbst hat nichts mehr zu tun. Und gleich geht es ihm besser. Zumindest solange der Glaube an die Bazooka anhält. Diese Logik war über Monate zu beobachten. Spannender ist wie so oft das, was nicht beobachtet werden konnte. Weil es nicht existierte!

Es gab im Vorfeld viele Warner und (sogar staatliche) Studien mit Angaben von Eintrittswahrscheinlichkeiten und Tipps für die Vorbereitung auf Pandemien. Wie kommt es, dass eine Politik, die sich des Risikos bewusst gewesen sein musste, nicht systematisch vorbereitet war und keinerlei konkrete Handlungsprotokolle und juristische Grundlagen für so einen Fall geschaffen hat? Wieso waren zum Beispiel die Reportingstrukturen der Gesundheitsämter und des RKI in Deutschland nicht digitalisiert? Und ganz grundsätzlich: Wieso stehen die Schulen so schlecht da in digitaler Lehre?

In Unsicherheit klug entscheiden

Wie ist in einer Krisenphase unter Unsicherheit klug zu entscheiden? Es gibt konkrete Regeln und Prinzipien, nach denen sinnvoll nach verschiedenen Graden von Unsicherheit unterschieden werden kann. In Zeiten großer Unsicherheit, in denen schnelle Entscheidungen über Änderungen getroffen werden müssen, ist es wichtig, Flexibilität zu erhalten. Daher lautet eine Regel, dass bei hoher Unsicherheit so entschieden werden soll, dass die zukünftigen Optionen maximiert werden.

Außerdem ist zu klären, nach welcher Logik wir unsere Meinungen bilden und Entscheidungen treffen sollen. Wie gehen wir mit der Wissenschaft um – also mit vielen differierenden Meinungen? Wen müssen wir überhaupt anhören? Verlassen wir uns nur auf Virologen oder brauchen wir Netzwerkforscher? Und nach welcher Regel wägen wir Interessen schnell und fair ab? Wenn die Krise ein Assessment-Center wäre, bei dem ich unsere Regierungen bewerten sollte, würde ich sie alle noch mal auf die Schulbank schicken. Für sehr lange. Unsere Unternehmen schlagen sich dabei schon besser und trotz vorhandener systematischer Fehler sind sie besser in der Umsetzung von Beschlüssen als unsere Regierungs- und Beamtenorganisationen.

Für Unternehmen wie für Staaten gilt es nun, folgende Frage zu stellen: Wie können in Zukunft Informationsquellen und verschiedene Inhalte zusammengeführt und ein kluger Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess eingeleitet werden, der der Lage angemessene Entscheidungen produziert, die umsetzbar sind und die funktionieren? Diesen Prozess zu optimieren wird leider versäumt. Wie das geht? Das ist längst bekannt, die erprobten Methoden gibt es.

Wenn diese Krise zum Anlass wird, hinter die lauten Stressreaktionen zu schauen und sich mehr mit ihren Entstehungen und den angemessenen Reaktionen darauf zu beschäftigen – dann werden wir als Unternehmen und als Staaten in Zukunft vieles besser machen. Hoffen wir’s!