Als ich noch beim VfB Stuttgart gespielt habe, habe ich täglich einen wilden Mix der Kulturen und Nationen erlebt. Türken, Kroaten, Portugiesen, … Alle Nationen sprachen untereinander ihre jeweilige Sprache.

Einen ähnlichen Nationenmix erleben viele Unternehmer schon jetzt bei Ihrem Personal – aufgrund der Zuwanderung ins wirtschaftsstarke Deutschland und wegen des offenen europäischen Arbeitsmarkts. Der Sekretär ist Türke in zweiter Generation, der Abteilungsleiter Halbspanier und der Vorstand wurde auf Malta geboren. Durch die jüngst angekommenen Flüchtlinge wird sich dieser Trend in naher Zukunft noch verstärken. Das bringt große Herausforderungen mit sich. Die Frage ist: Wie bekommen Sie all das unter einen Hut?

Beim Fußball war das Problem damals schnell gelöst: Der Trainer legte, als ihm das Sprachkauderwelsch zu bunt wurde, Deutsch als „Arbeitssprache“ in der Umkleide fest. Basta. Aber wie integrieren Sie die verschiedenen Kulturen, die Ihre Mitarbeiter mitbringen, in Ihren Unternehmensalltag?

Ich muss dabei an die Geschichte eines Freundes denken. Er beaufsichtigt einen größeren Bereich bei einem Automobilhersteller. Als er einen neuen Mitarbeiter bekam, unterbrach dieser auf einmal mitten am Tag seine Arbeit und begann zu beten. Der Mann war Muslim. Mein Freund verstand die Welt nicht mehr und versuchte, ihn ans Band zurückzuschicken. Schließlich schaltete sich der Betriebsrat ein und beschloss: Doch, fürs Gebet darf die Arbeit tatsächlich eine Zeit lang ruhen.

In solchen Situationen treffen zwei verschiedene Kulturen aufeinander – und stellen Unternehmer vor eine doppelte Herausforderung. Neben externen Aufgaben wie Kundenwünschen und der Marktsituation sehen sich Führungskräfte immer stärker auch mit internen Anforderungen konfrontiert. Das Miteinander und die Zusammenarbeit im Betrieb verlangen plötzlich ebenso viel oder sogar noch mehr Aufmerksamkeit.

Die aktuelle Situation ist nun insofern neu, dass Deutschland auf einen Schlag sehr viele Menschen aus anderen Kulturen aufgenommen hat. Das spiegelt sich in den Unternehmen wider und zu einer solchen Extremsituation gibt es noch keine weitreichenden Erfahrungen. Wenn vor zehn Jahren von Multikulti gesprochen wurde, ist das ein Witz im Vergleich zur heutigen Lage. Die Menschen, die nach Deutschland kommen, stammen deutlicher häufiger aus Krisengebieten, haben Schreckliches erlebt und sind möglicherweise traumatisiert.

Wenn Sie als Unternehmer mit dieser Ausgangslage konfrontiert werden, ist sie nicht mit der bloßen Einsetzung eines Kulturbeauftragten im Unternehmen gelöst. Für viel wichtiger halte ich, dass Sie der neuen Herausforderung eine starke Unternehmenskultur entgegensetzen.

So wie jedes Land seine traditionellen Strukturen hat, ist auch jedes Unternehmen gewachsen und weist eine entsprechende Arbeits- und Umgangskultur auf. Sie wurde geprägt von den Firmeninhabern und Geschäftsführern, wurde ausgebaut von den Abteilungen und Standorten, wird gelebt von den Mitarbeitern. Die Unternehmenskultur ist der genetische Kodex, nach dem sich ein Betrieb richtet und verhält.

Damit gute Ergebnisse erzielt werden können, benötigen Unternehmen eine starke Kultur des Miteinanders. Arbeiten die Mitarbeiter gut zusammen und können sich mit den Zielen des Unternehmens identifizieren? Dann bewegen sie sich im Rahmen der Unternehmenskultur – und zwar jeder einzelne.

Das klingt ja ganz einfach, meinen Sie? Leider nein, denn jede Unternehmenskultur muss gepflegt und vor allem mit einer gewissen Weitsicht entwickelt werden. Wie stellen Sie Ihre Werte, Ihre Prinzipien im Unternehmen auf, damit diese zukunftsfähig sind? Wie schaffen Sie es, eine moderne Kultur im Unternehmen zu haben?

Denken Sie nur an den letzten großen Wandel, der sich seit Jahren in Firmen beobachten lässt und immer noch vollzieht: die Abwendung von patriarchalischen Strukturen hin zu flachen Hierarchien und ebenbürtigen Chef-Mitarbeiter-Beziehungen. Das alte patriarchalische System hatte ausgedient, die Arbeitswelt hat darauf reagiert und sich angepasst.

In der gleichen Weise werden nun neue Werkzeuge gebraucht, um die Unternehmenskultur stark und aufrechtzuerhalten. Hierin liegt die große Herausforderung der nächsten Jahre für Unternehmer und Führungskräfte.

Wenn Sie die Integration Ihrer aus- wie inländischen Mitarbeiter in die Unternehmenskultur nicht schaffen, entstehen in Ihrem Unternehmen schnell Grüppchen. Interessensgrüppchen, Glaubensgrüppchen, Sprachgrüppchen. Genau wie damals im Fußballverein.

Damit es nicht so weit kommt, brauchen Unternehmen ein klares Commitment, an das sich jeder halten muss. Denn die Welt verbindet sich – egal, was die EU-Kommission festlegt oder der Bundestag beschließt. Es werden noch mehr Menschen nach Deutschland kommen oder fliehen. Das ist so. Und wenn sie erst einmal da sind, täten die deutsche Politik und deutsche Unternehmer gut daran, ihnen das Arbeiten zu ermöglichen, damit sie ihre Energie sinnvoll einbringen können.

Was nicht passieren darf, ist, dass deutsche Arbeitnehmer sich mit einem Mal wie im Ausland fühlen. Hier sind Sie gefragt: Vermitteln Sie den neuen Kräften die deutsche Sprache und Kultur, stellen Sie einen klaren Plan für die schrittweise Integration auf und prüfen Sie regelmäßig den Fortschritt. Aber nutzen Sie ebenso die Vorteile, die Ihr multikulturelles Team Ihnen bietet. Die Mitarbeiter bringen interkulturelle Kompetenz und Fremdsprachenkenntnisse mit, können vielleicht international arbeiten oder beim Aufbau des neuen Standorts im Ausland helfen.

Vor allem aber werden neue Leute mit einem anderen kulturellen Hintergrund den klassischen Unternehmenstrott ordentlich aufmischen – und das hat noch keinem Unternehmen geschadet, das offen und am Zahn der Zeit bleiben möchte.