Kommen Geschäftsmenschen zusammen, haben sie keine Begegnung oder ein Treffen, sondern ein Meeting – und sie führen auch keine Gespräche, sondern sie haben eine Besprechung. «Herr Müller ist in einem Meeting», vertröstet der Assistent den Anrufer, der mit Herrn Müller einen Termin abstimmen wollte. Das ist Alltag.

Komplexer sind jene Termine, die erst angebahnt werden müssen. Da scheuen wir keinen Aufwand. Über viele Kanäle suchen wir Zugang zu Leuten, die bestens zugänglich wären. Bei Bekannten fragen wir nach der Telefonnummer, die im Internet oder im elektronischen Telefonbuch zu finden ist. In Tat und Wahrheit hoffen wir auf jemanden zu stoßen, der uns bei der Zielperson empfiehlt, um mit einem Vertrauensbonus im Gepäck empfangen zu werden.

Wer einen Termin unbedingt braucht, sucht wie ein Pfadfinder nach dem kürzesten und deshalb schwierigsten Weg über alle Hindernisse hinweg, die da sind: die Assistenz, der volle Terminkalender, die Überheblichkeit gefragter Termingeber und der Umstand, dass sie nur zusagen, wenn sie sich vom Kontakt Vorteile versprechen. Sobald Geld im Spiel ist oder persönliche Beziehungen winken, ist Freundlichkeit angesagt, und im Nu steht der Termin. Andernfalls lässt es sich leider in den nächsten paar Monaten nicht einrichten.

Die Strategie der Termingeber ist gerade deshalb so undurchsichtig und abweisend, weil Bitten eine hoch emotionale Sache ist. Statt höflich abzusagen, schweigen viele Angefragte. Den Bittsteller lassen sie schmoren, leiden, ins Leere laufen. Das ist die geschäftsmäßige Art, Nein zu sagen. Will aber ein langjähriger Kunde besucht werden, ist die Terminfrage gar keine Frage – als wären lauter weiße Seiten in der Agenda. Morgen? Übermorgen? Gerne! Um wie viel Uhr würde es Ihnen passen, Frau Meier?

Schon an der Stimme der Assistenz lassen sich wichtige und lästige Termine unterscheiden. Sie schützt den Chef, indem sie seinen prallen Terminkalender wie einen Riegel vorschiebt. Auch das ist Alltag.

Ob das Treffen zustande kommt, hängt weniger vom Pensum als von den Prioritäten ab. Eine gut geführte Agenda ist nichts anderes als eine Prioritätenordnung. Der 2005 verstorbene Management-Vordenker Peter Drucker meinte dazu sinngemäß: Je zahlreicher die Meetings, desto schlechter sind sie. Bei manchen ersetzen sie das Denken: Meeting-Sucht als Denkflucht. Es siegt der Hintern über den Geist. Der Chef ist zwar beschäftigt, aber er arbeitet nicht – wegen der Termine.

Die Mystiker vieler Religionen, die Zen-Buddhisten, die islamischen Sufis, die Rabbis des Talmud, beschäftigten sich mit folgender Frage: Gibt es ein Geräusch im Wald, wenn ein Baum umfällt, ohne dass jemand zugegen ist, der es hören könnte? Mittlerweile wissen wir, dass die richtige Antwort Nein lautet. Beim Sturz des Baumes entstehen Schallwellen. Doch solange niemand diese Wellen wahrnimmt, gibt es kein Geräusch. Jedes Geräusch wird durch Wahrnehmung erzeugt. Das Geräusch ist Kommunikation.

Gibt es ein Geräusch im Sitzungszimmer, wenn jemand etwas sagt, ohne dass einer zuhört? Mittlerweile wissen wir, dass die richtige Antwort Ja lautet. Beim Sprechen entstehen Schallwellen. Was die Zuhörer jedoch wahrnehmen, ist bloßer Lippenlärm. Auch dieses Geräusch wird durch Wahrnehmung erzeugt. Doch es bleibt Lippenlärm und hat mit Kommunikation, die ein Ziel verfolgt, rein gar nichts zu tun.

Weil der Homo sapiens sowohl das Denken als auch das Arbeiten hasst, macht er noch mehr Termine. So mag Herr Müller täglich ein Dutzend Meetings abspulen, doch daraus werden gewiss keine Besprechungen, die diesen Namen verdienen. Bei jedem neuen Besucher ist der Chef in seinen Gedanken noch beim vorangegangenen oder bereits beim nächstfolgenden Meeting – und täuscht Aufmerksamkeit und Interesse vor. Meetings dauern so lange, bis die nachgegeben haben, die es besser wüssten.

Jeder kennt derlei Gespräche, die des guten Gewissens wegen stattfinden. Bei diesen sogenannten Pflichtterminen trifft der Geschäftsmensch andere Geschäftsmenschen, die er nicht treffen will, um über Dinge zu reden, über die er nicht reden möchte. Diese Art von Terminen macht selbst vor der Mittagspause nicht halt. Business-Lunch heißt unter Geschäftsmenschen der Trick, zwecks Zeitersparnis die Mittagspause so zu nutzen, dass auch der Nachmittag verloren ist.

Viele Manager sind an einer Überdosis Pflichtterminen zugrunde gegangen. In frühen Zeiten war es das Vorrecht des Adelsstandes gewesen, nichts zu tun. Heute aber ist es das wichtigste Statussymbol, zu viel zu tun. Wessen Agenda leer ist, der hat nicht etwa Glück, sondern rabenschwarzes Pech. Im schlimmsten Fall gesteht er verschämt, er habe noch ein paar Termine frei. Damit gibt er sich als Unterhund zu erkennen.

Erfolgreich ist, wer keine Zeit für sich hat. Angesehen sind diejenigen, die von Meeting zu Meeting und auf den Flughäfen von Terminal zu Terminal hetzen. Seit der westliche Mensch nicht länger von Gewaltherrschern unterdrückt wird, setzt er sich selbst unter Zwang: Den Terror des Termindrucks liebt er, auch wenn er dabei untergeht.