Zu den grössten Sorgen vieler Unternehmen gehört der Fachkräftemangel. Mehr als sechs von zehn Betrieben nannten ihn in der Herbstumfrage 2018 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) als Geschäftsrisiko.

Die Personalnot könnte dadurch gelindert werden, dass ältere Arbeitnehmer länger arbeiten – auch über das heutige Renteneintrittsalter hinaus. Würde in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen genauso lange gearbeitet wie bei den heute 55- bis 59-Jährigen, könnte der durch die massiv alternde Gesellschaft bedingte Personalmangel mehr als kompensiert werden.

Diese Möglichkeit käme vielen älteren Menschen durchaus entgegen. Zwei von drei Befragten begründen ihren Wunsch nach längerer Arbeitszeit mit dem Bedürfnis nach Teilhabe und persönlichen Kontakten sowie dem Bestreben, geistig wie körperlich fit zu bleiben. Tatsächlich würden also viele Menschen gerne über die Pensionierung hinaus arbeiten.

Ein entscheidender Grund dafür, dass viele Unternehmen ihre älteren Mitarbeiter aber lieber früher als später freisetzen, sind vor allem unausrottbare Klischees – auch über deren Leistungsfähigkeit. Dabei gibt es weltweit keine Studie, die beweisen würde, dass ältere Mitarbeiter weniger produktiv sind als jüngere. Es existieren allerdings viele Studien, die das genaue Gegenteil beweisen.

Ein ehemaliger Finanzberater ist heute 65, gesund und topfit. Er war sein gesamtes berufliches Leben als Finanzberater tätig und sehr erfolgreich. Mit 62 wurde er von seinem Vorgesetzten «für zu alt befunden» und in den «wohlverdienten» Ruhestand «abgeschoben». Nach wenigen Monaten wurde es ihm zu langweilig, er suchte und fand eine neue Beschäftigung als freier Vermögensberater. Mittlerweile lassen sich frühere Kunden von ihm beraten. Für einen Unternehmer managt er die Finanzierung und den Bau eines grossen Mehrfamilienhauses. Er ist mittlerweile Vorsitzender eines grossen Sportvereins und engagiert sich als Stadtrat in der Kommunalpolitik. Für seinen früheren Betrieb ist er ein ernst zu nehmender Wettbewerber geworden.

Für viele Menschen kommt die Pensionierung zu früh. Wer sich mit 65 zehn Jahre jünger fühlt, ist keineswegs reif für den Ruhestand. Ob und wann ein Mitarbeiter in Rente gehen will, kann er selbst sicher besser entscheiden als irgendjemand anderes. Warum kann nicht der einzelne Mitarbeiter mit seinem Chef, auch unter Berücksichtigung betrieblicher Interessen, das Ende seiner Beschäftigung vereinbaren?

Der Aufstand gegen die bisherige Art der Zwangspensionierung hat bereits begonnen. Schon 2011 entschied der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) auf eine Klage von drei Piloten der Lufthansa, dass Fluggesellschaften ihre Piloten nicht mehr zwangsweise mit 60 in den Ruhestand schicken dürfen. Die bei der Lufthansa gültige Altersgrenze sei eine Diskriminierung und verstosse gegen europäisches Recht.

Der an das Alter geknüpfte Zwang zum Aufhören ist nicht mehr zeitgemäss. Vor vier Jahrzehnten arbeiteten die Menschen bis 65 und starben mit durchschnittlich 67 Jahren. Die wenigen Jahre im Ruhestand waren wirklich verdient, als die Wochenarbeitszeit noch deutlich länger, die Urlaubszeit wesentlich kürzer und die Arbeitsbelastung bei den meisten ungleich höher war als heute.

Die Lebensumstände haben sich aber seitdem dramatisch verändert. Die heutigen Generationen 50plus sind so aktiv, mobil und produktiv wie keine Generation vor ihnen. Und sie sind erwachsene Menschen, die in der Lage sind, selbst zu entscheiden, was für sie das Beste ist. Manche wollen auch mit 70 oder noch länger arbeiten, weil sie keine Lust haben, sich zu Hause zu langweilen. Andere brauchen möglicherweise das Geld, und wieder anderen macht ihre Arbeit vielleicht einfach nur Spass.

Ein Leben als Rentner kann ganz schön öde sein, dachte sich ein 89 Jahre alter Brite und ging sich per Zeitungsanzeige auf Jobsuche. Er bekam gleich mehrere Angebote. 20 Stunden pro Woche oder ein bisschen mehr könne er arbeiten, nicht zu anstrengend sollte es sein, die Branche sei egal. Zweimal liess Joe Bartley seine Suchanzeige in der Lokalzeitung veröffentlichen: «Retten Sie mich davor, vor Langeweile zu sterben», schrieb er. Und wurde fündig: Ein Bistro stellte ihn als Kellner ein. «Egal, wie alt du bist oder welchen Hintergrund du hast – du verdienst eine Chance», sagt die Bistro-Besitzerin. «Viele Leute kommen zu uns, nicht nur um Kaffee zu trinken, sondern auch, um sich zu unterhalten», erklärt sie: «Deshalb ist Joe der perfekte Mitarbeiter.» Genug zu erzählen hat der Weltkriegsveteran. «Old soldier, airborne forces» – alter Soldat, Luftwaffe – steht in seiner Anzeige, die ihn nun zu einer Berühmtheit gemacht hat. Er sei erstaunt darüber: «Ich kann das gar nicht richtig glauben, es fühlt sich grossartig an!»

Ein schönes Beispiel ist auch Herta Gebhart, Jahrgang 1919. Seit mehr als sechs Jahrzehnten ist die vitale Münsteranerin als Modedesignerin und Goldschmiedin aktiv und hat sich mit ihren Entwürfen international einen Namen gemacht.

Die Reihe dieser Beispiele lässt sich ohne Ende weiter fortführen. Die wenigsten Menschen wollen im Alter auf der faulen Haut liegen. Sie wollen etwas tun, sie wollen gebraucht werden. Warum wird ihnen das immer noch erschwert? Es gibt kaum eine Branche, in der die soziale Kompetenz einer älteren Führungskraft und die Erfahrung eines Beraters oder Verkäufers im Umgang mit älteren Kunden heute nicht gebraucht wird.