Im Juni 2018 war ich auf einem grossartigen Event. Das Tech Open Air Berlin (toa.berlin) ist ein Treffen von Start-ups und Investoren mit Fokus auf neue Technologien. Ein Vortrag erregte meine volle Aufmerksamkeit: «How to build a blockchain node into Porsche car». Selbstverständlich wollte ich herausfinden, was die Blockchain mit einem Auto zu tun hat, denn die meisten Menschen setzen diese Technologie mit Bitcoin gleich. Doch die Blockchain ist viel mehr als nur Bitcoin. Die Blockchain-Technologie wird unser Leben stark beeinflussen, weil sie uns neue Prozesse, neue Geschäftsmodelle und neue Ökosysteme ermöglichen wird.

In dem Vortrag erklärte ein Ingenieur, dass die Blockchain neue Anwendungsfälle ermögliche. Als Beispiel führte er an, dass ein Kunde, der ein Paket bestellt habe, dank der Blockchain dem Paketdienstleister den Zugang zu seinem Kofferraum gewähren könne. Während das Auto auf dem Firmengelände geparkt sei, könne der Paketdienstleister während der Arbeitszeit das Paket in den Kofferraum legen. Ich kann mir viele weitere Anwendungsfälle vorstellen. Zum Beispiel könnte man eine Maut zeit- und ortsabhängig in Kleinstbeträgen aufgrund der effektiven Nutzung «einkassieren».

Fährt man zum Beispiel vor zehn Uhr ins Stadtzentrum, wird man dafür zur Kasse gebeten. Das Einkassieren könnte dank des Wallets im Auto automatisch erfolgen. Ein Wallet ist eine Art digitale Geldbörse, die Zugang zur entsprechenden Blockchain gewährt, wo die Transaktionen gespeichert sind. Das ist mit einem Bankkonto vergleichbar. Ganz konkret heisst das, dass wir im Auto dereinst ein Wallet haben werden, das Werte von Maschine zu Maschine (M2M) übertragen kann. Ein weiterer M2M-Prozess könnte zum Beispiel die Entrichtung der Parkgebühr sein. Ihr Wallet im Auto begleicht nach der Nutzung eines Parkplatzes die Parkgebühr selbstständig ohne Ihr Zutun. Man spricht heute deshalb auch vom «Internet of Values», also dem Internet der Werte. Wir verschieben Werte dank eines Wallets, wobei die Transaktionen unverändert für alle Zeiten auf der Blockchain gespeichert werden.

Das oben beschriebene Szenario könnte eines Tages Wirklichkeit werden. Das Berliner Start-up IOTA hat bereits mit Autobauern wie BMW, VW, Audi und Porsche Testfälle im Labor durchgespielt. Sollten sich diese Konzepte durchsetzen, könnte es schon bald so weit sein, dass wir uns um solche Zahlungen selbst nicht mehr kümmern müssen, weil unser Auto macht das selbstständig macht. Die Währung, die man für die Zahlungstransaktionen in diesem Ökosystem benötigt, heisst ebenso wie die Firma IOTA. Weil das Wertesystem auf einer Blockchain basiert, spricht man hier auch von einer Kryptowährung, die die Werte überweisen kann.

Was ist die Blockchain?

An dieser Stelle möchte ich Ihnen die Blockchain kurz erklären. Die Blockchain ist eine Datenbank, die Transaktionen wie in einem Kassenbuch speichert. Das Besondere gegenüber einer herkömmlichen Anwendung ist die Art der Speicherung. Die Transaktionen werden blockweise, verschlüsselt und dezentral auf vielen Computersystemen gespeichert. In einer Blockchain spricht man bei diesen Computersystemen von einem «Node». Die Transaktionen werden aber nicht einzeln, sondern blockweise gespeichert. Dies erfolgt ohne einen Intermediär, was das eigentlich Revolutionäre daran ist.

Der zuletzt gespeicherte Block wird mit dem vorhergehenden Block mit einem Algorithmus verschlüsselt. Wenn die Mehrheit der Nodes einen Block gespeichert hat, gilt dieser als verifiziert. Da die Speicherung blockweise («Block») geschieht und ein Block mit dem vorhergehenden verschlüsselt wird, sodass die Blöcke wie in einer Kette («Chain») verbunden sind, spricht man von der «Blockchain». Von einer Kryptowährung sprechen wir deshalb, weil die Transaktion der digitalen Werte kryptografisch verschlüsselt sind.
Wenn Sie einem Freund 100 Euro überweisen, wird diese Transaktion auf einem Computersystem gespeichert. Diese Transaktion ist jedoch dadurch gefährdet, dass ein Angreifer versuchen könnte, die Bank oder Sie als Kunden zu hacken. Die Blockchain kann mit heutiger Technologie nicht gehackt werden. Die dafür erforderliche Computerleistung ist entweder nicht verfügbar oder wäre viel zu teuer.

Neue Prozesse ermöglichen neue Geschäftsmodelle

Im obigen Beispiel wird ein Ökosystem rund ums Auto entstehen. Dank Sensoren im Auto und in Strassen werden neue automatisierte M2M-Prozesse möglich, die neue Geschäftsmodelle und damit letztlich neue Ökosysteme schaffen.

Ein weiteres Beispiel stammt aus China: Dort gibt es eine Autobahnteststrecke von zwei Kilometern Länge. Das Besondere daran ist, dass dieses Autobahnteilstück mit einem Belag aus lichtdurchlässigen Kieselsteinen versehen ist. Darunter liegen Photovoltaikzellen, die Strom produzieren. Die Vision der Hersteller ist, dass man damit ein Elektroauto während der Fahrt aufladen kann. Der Autofahrer muss den Autobahnbetreiber für diese Leistung entschädigen. Diese erfolgt hier von Maschine zu Maschine, das heisst, Ihr Wallet entschädigt den Autobahnbetreiber für die geladene Energie mit einer eigenen Kryptowährung. Mit herkömmlichen Technologien wäre das heute undenkbar.

In der Logistik kann man dank der Blockchain ganze Lieferprozesse verfolgen und steuern. Ein Start-up aus der Schweiz hat autonome Container entwickelt. Diese Container können dank eingebauter Sensoren und einem Wallet alles tracken und steuern. Gerade bei Medikamenten oder Kühlgütern, die einen bestimmten Temperaturbereich nicht unter- oder überschreiten dürfen, ergibt eine solche Anwendung sehr viel Sinn. Heute muss alles manuell und mit viel Papier abgewickelt werden. Logistikanwendungen würden somit neue Ökosysteme schaffen, in denen der Wert mit Kryptowährungen übertragen wird. Letztlich muss sich ein solches System über eine Kryptowährung finanzieren.

Hunderte solcher Ökosysteme

Das waren nur gerade zwei künftige Ökosysteme, die ich aufgezeigt habe. Doch werden wir in den nächsten Jahren die Entstehung Hunderter solcher Ökosysteme erleben, die unser Leben mithilfe der Blockchain-Technologie sicherer und einfacher machen werden. Davon werden wir auch im Marketing profitieren, weil wir dank solcher Ökosysteme für das Tracken unserer Datenspur plötzlich entschädigt werden und wir darum ein ganz anderes Interesse haben werden. Und letztlich gewinnen wir dank der Blockchain die Hoheit über unsere Daten zurück und entscheiden, wem wir diese zur Verfügung stellen wollen. Und das alles verdanken wir der Blockchain-Technologie und der damit neu geschaffenen Ökosysteme.